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Wolfgang Sofsky
Bertrand Russell: Thomas Paine

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Zu dem ehrwürdigen Kreis der Freigeister und Tyrannenfeinde, die in der oberen Etage des Hauses Holbach gelegentlich aufeinander treffen, gehört auch der Quäkersprößling Thomas Paine, Autor des „Common Sense“, der Bibel der Amerikanischen Revolution, und des Artikels „The American Crisis“, den George Washington am Weihnachtsabend 1776 vor dem Angriff auf Trenton seinen Soldaten vorlesen ließ, woraufhin die Amerikaner, angespornt durch entschlossene Worte, den Sieg davontrugen. 1789 eilte Paine nach Frankreich und schrieb „Rights of Man“, von dem 200.000 Exemplare verkauft wurden. Das Honorar spendete er einer republikanischen Vereinigung. Die britische Regierung Pitts machte Paine 1792 den Prozeß und erklärte ihn zum „Outlaw“. Verleger und Verkäufer der Schrift werden zu mehrjähriger Haft oder zur Strafkolonie in Australien verurteilt. In Paris wurde Paine zum französischen Ehrenbürger ernannt. Als Freund der Girondisten, der die Exekution des Königs aus Dankbarkeit für die französische Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeit ablehnte, warfen ihn die Jakobiner in den Kerker. Kurz vor seinem Todestermin lag jedoch Robespierres Kopf unter der Guillotine. In „The Age of Reason“ griff Paine die kirchliche Orthodoxie an, den Klerus, nicht zuletzt die Grausamkeiten des Alten Testaments. Als „schmutzigen kleinen Atheisten“ empfing man ihn im Herbst 1802 in den USA. Man verübelte ihm sein Plädoyer gegen die Sklaverei und für die Rechte der Frauen. 1809 starb Paine, der Revolutionär der Freiheit, halb vergessen und verarmt in New Rochelle, unweit von New York.

Bertrand Russell, gleichfalls regelmäßiger Ehrengast im oberen Stockwerk des Hauses Holbach, widmete Paine 1934 einen längeren Essay: „Das Schicksal Thomas Paines“. Hieraus ein paar Absätze:

„Obwohl Thomas Paine sich in zwei Revolutionen hervorgetan hat und für den Versuch, eine dritte anzuzetteln, fast gehenkt wurde, ist sein Bild in unseren Tagen etwas verblaßt. Unseren Urgroßvätern erschien er als eine Art irdischer Satan, als subversiver Heide, der gleichermaßen gegen Gott und gegen seinen König rebellierte. Er zog sich die bittere Feindschaft dreier Männer zu, die im übrigen keine Verbündeten waren: Pitt, Robespierre und Washington. Die beiden ersteren trachteten ihn zu töten, und der dritte vermied sorgfältig jede Maßnahme zur Rettung seines Lebens. Pitt und Washington haßten ihn, weil er ein Demokrat war; Robespierre, weil er der Exekution des Königs und der Schreckensherrschaft entgegentrat. Es war sein Schicksal, stets von der Opposition geehrt und von den Regierungen gehaßt zu werden: Als Washington noch die Engländer bekämpfte, war er über Paine voll des Lobes; die französische Nation überhäufte ihn mit Ehren, bis die Jakobiner an die Macht kamen; selbst in England erzeigten ihm die berühmtesten Staatsmänner der Whig-Partei Freundschaft und beauftragten ihn, Manifeste zu entwerfen. Wie andere Menschen hatte auch er Fehler, aber gehaßt und mit Erfolg verleumdet wurde er wegen seiner Tugenden.

Paines historische Bedeutung besteht darin, daß er die Verkündung der Demokratie demokratisierte. Im 18. Jahrhundert gab es Demokraten unter französischen und englischen Adligen, unter Philosophen und nonkonformistischen Geistlichen. Aber sie alle stellten ihre politischen Spekulationen in einer Form dar, die sich nur an die Gebildeten wandte. Paine war ein Neuerer durch seinen Stil, der einfach, direkt, unakademisch und für jeden intelligenten Arbeiter verständlich war, wenn seine Lehre auch nichts Neues enthielt. Das machte ihn gefährlich. Und als er sich neben seinen anderen Verbrechen auch noch unorthodoxer religiöser Anschauungen schuldig machte, ergriffen die Verteidiger der Privilegien die Gelegenheit, ihn mit Schmähungen zu überhäufen.

Die ersten sechsunddreißig Jahre seines Lebens bieten keinen Anhaltspunkt für die Talente, die in seinen späteren Handlungen zum Vorschein kamen. Er wurde im Jahre 1737 in Thetford als Sohn armer Quäker geboren, besuchte bis zum Alter von dreizehn Jahren die örtliche Lateinschule und wurde dann Korsettmacher. Ein ruhiges Leben war jedoch nicht nach seinem Geschmack, und im Alter von siebzehn Jahren versuchte er, auf einem Kaperschiff mit dem Namen „The Terrible“ anzuheuern, dessen Kapitän „Death“ hieß. Seine Eltern holten ihn zurück und retteten ihm so wahrscheinlich das Leben, da von den zweihundert Mann Besatzung kurz darauf hundertfünfundsiebzig im Kampf fielen. Ein wenig später, beim Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, gelang es ihm jedoch, auf einem anderen Kaperschiff zu segeln, aber über seine kurze Abenteurerlaufbahn zur See ist nichts bekannt. 1758 war er als Korsettmacher in London beschäftigt, und im Jahr darauf heiratete er, aber seine Frau starb nach wenigen Wochen. Im Jahre 1763 wurde er Steuereinnehmer, verlor aber zwei Jahre später seine Stellung, weil er vorgegeben hatte, er habe Inspektionen gemacht, während er in Wirklichkeit zu Hause studiert hatte. In großer Armut wurde er für zehn Shilling die Woche Schulmeister und versuchte anglikanischer Geistlicher zu werden. Vor diesem verzweifelten Schritt wurde er dadurch bewahrt, daß er in Lewes wieder als Steuereinnehmer angestellt wurde. Er heiratete dort eine Quäkerin, von der er sich aus unbekannten Gründen im Jahre 1774 formell trennte. In diesem Jahr verlor er wieder seine Anstellung, und zwar offenbar deshalb, weil er eine Eingabe der Steuereinnehmer um höhere Löhne organisiert hatte. Durch den Verkauf seiner gesamten Habe gelang es ihm, seine Schulden zu bezahlen und ein wenig für den Unterhalt seiner Frau zu sorgen, aber er selbst litt wieder bittere Not.

In London, wo er versuchte, die Eingabe der Steuereinnehmer dem Parlament vorzulegen, machte er die Bekanntschaft von Benjamin Franklin, der einen guten Eindruck von ihm erhielt. Das Ergebnis war, daß er im Oktober 1774, mit einem Schreiben Franklins versehen, in dem er als «scharfsinniger, ehrenwerter junger Mann» beschrieben wurde, nach Amerika segelte. Sobald er in Philadelphia eintraf, begann sich sein schriftstellerisches Talent zu zeigen, und er wurde fast im Handumdrehen Herausgeber eines Journals.

Seine erste Veröffentlichung im März 1775 war ein eindringlicher Artikel gegen die Sklaverei und den Sklavenhandel, dem gegenüber er stets ein kompromißloser Gegner blieb, was auch immer einige seiner amerikanischen Freunde sagen mochten. Es scheint zum großen Teil auf seinen Einfluß zurückzugehen, daß Jefferson in den Entwurf zur Unabhängigkeitserklärung den Abschnitt über dieses Thema aufnahm, der später gestrichen wurde. Im Jahre 1775 gab es in Pennsylvanien immer noch Sklaverei; sie wurde in diesem Staat durch ein Gesetz des Jahres 1780 abgeschafft, zu dem, wie allgemein angenommen wurde, Paine die Präambel schrieb.

Paine war einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste, der für die völlige Freiheit der Vereinigten Staaten eintrat. Im Oktober 1775, als selbst noch jene, die später die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten, auf irgendeine Einigung mit der britischen Regierung hofften, schrieb er: «Ich zögere keinen Augenblick zu glauben, daß der Allmächtige Amerika schließlich von Großbritannien trennen wird. Mag man es nun Unabhängigkeit oder wie auch immer nennen, wenn es die Sache Gottes und der Menschlichkeit ist, wird sie fortbestehen. Und wenn uns der Allmächtige gesegnet und zu einem Volk gemacht haben wird, das nur von ihm abhängt, dann mag sich unsere Dankbarkeit als erstes durch ein kontinentales Gesetz zeigen, das der Einfuhr von Negern zum Verkauf ein Ende setzt, das harte Los derjenigen, die bereits hier sind, lindert und ihnen mit der Zeit die Freiheit schenkt.»

Es war die Sache der Freiheit — Freiheit von Monarchie, Aristokratie, Sklaverei und jeder Art von Tyrannei —, daß sich Paine der Sache Amerikas annahm…

(In „Rights of Man“, WS) sagt er: «Alle Regierungen lassen sich in drei Gruppen einteilen. Erstens, Aberglaube. Zweitens, Macht. Drittens, das gemeinsame Interesse der Gesellschaft und die allgemeinen Menschenrechte. Das erste war eine Regierung der Priester, das zweite eine von Eroberern und das dritte eine Regierung der Vernunft.» Die beiden ersteren verschmolzen miteinander: «Das Wappen zeigte nebeneinander den Schlüssel Petri und den Schlüssel zur Schatzkammer, und die erstaunte, betrogene Menge betete die Erfindung an.» Solche allgemeinen Bemerkungen sind jedoch selten. Das Werk besteht zum größten Teil einerseits aus der französischen Geschichte von 1789 bis Ende 1791 und andererseits aus einem Vergleich der britischen Verfassung mit der, die 1791 in Frankreich ausgerufen wurde, und zwar selbstverständlich zugunsten der letzteren. Man muß bedenken, daß Frankreich 1791 immer noch eine Monarchie war. Paine war Republikaner und verheimlichte diese Tatsache nicht, aber in den „Rights of Man“ hob er sie auch nicht sehr hervor…

Paine hat die Welt in zweifacher Hinsicht beeinflußt. Während der amerikanischen Revolution weckte er Begeisterung und Zuversicht und trug wesentlich zum Sieg bei.

In Frankreich war seine Popularität nur vorübergehend und oberflächlich, aber in England rief er den hartnäckigen Widerstand der plebejischen Radikalen gegen die lange Tyrannei von Pitt und Liverpool ins Leben. Seine Ansichten über die Bibel schockierten zwar seine Zeitgenossen mehr als sein Unitarismus, obwohl sie heute auch ein Erzbischof vertreten könnte, aber seine wahren Anhänger waren die Männer, die in der von ihm ausgehenden Bewegung arbeiteten — diejenigen, die Pitt einkerkerte, diejenigen, die unter den Six Acts litten, die Oweniten, Chartisten, Gewerkschaftler und Sozialisten. Allen diesen Kämpfern für die Unterdrückten war er ein Beispiel an Mut, Menschlichkeit und Aufrichtigkeit. Wo es um öffentliche Anliegen ging, vergaß er die Vorsicht für seine Person. Die Welt beschloß, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ihn für seinen Mangel an Selbstsucht zu bestrafen. Bis zum heutigen Tag ist sein Ruhm nicht so groß, wie er es wäre, hätte er einen weniger edlen Charakter gehabt. Selbst um sich ein Lob für mangelnde Weltklugheit zu erwerben, ist etwas Weltklugheit vonnöten.“

© WS 2016

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