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Wolfgang Sofsky
Knechtschaft und Selbsterniedrigung

Zwei Maenner, einander in hoeherer Stellung vermutend, begegnen sich

Tief ist die Verstrickung des Unterwürfigen in das Verhältnis zur Autorität. Er tut nicht nur, was ihm aufgetragen wird, er schmiegt seine Einstellungen den Werten an, die das Idol zu verkörpern scheint. Er sieht sich mit dessen Augen, unterstellt sich dessen Urteil, übernimmt dessen Maßstäbe. Des eigenen Urteils entschlägt er sich. Nur die Autorität kann ihn erhöhen oder erniedrigen. Jedes Lob ist wie ein innerer Festtag, jeder Tadel eine Schmach. Zwischen Auszeichnung und Verdammung, zwischen Begeisterung und Niedergeschlagenheit sucht der Untertan nach Zuspruch und Gunsterweis. Einzig der Herr verspricht ihm Selbstbewußtsein. Vor die Wahl gestellt, frei oder untertan zu sein, läßt er die Freiheit und befolgt den Befehl. Nicht weil er das Gesetz achtet oder die Bajonette fürchtet, unterwirft er sich, sondern aus Anerkennungssucht und feiger Gewöhnung.

Gegenüber seinem Herrn wertet sich der Unterwürfige radikal ab. Er fühlt sich schwach, häßlich, nichtswürdig. Keinesfalls will er sich selbst gehören. Er demütigt sich, und er verachtet sich dafür. Immer weiter treibt ihn die Spirale der Selbstverachtung hinab. Unermeßlich scheint die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu erniedrigen und sich wegen vager Hoffnungen und nichtiger Vorteile quälen zu lassen. Seine Knie sind schon wund von der elenden Kriecherei, und dennoch will er weiter abhängig sein, um sich beschützt zu wähnen. Gehorchen will er bis zur Selbstauslöschung. Er traut sich nichts zu. Den Mut, für sich selbst zu sorgen und sein Leben nach eigener Vorstellung zu führen, hat er längst verloren. Es gibt nichts, woraus sein Selbstbewußtsein noch Nahrung beziehen könnte. Nur die Hand des Herrn vermag ihn noch aufzurichten.

Die Selbstentwertung ist nicht das Ergebnis eines sozialen Vergleichs. Es ist nicht so, daß der Unterwürfige sich zuerst am anderen mißt, seine Schwächen konstatiert, um sich schließlich einen niederen Rang zuzuerkennen. Es verhält sich vielmehr umgekehrt. Weil er sich minderwertig fühlt, sucht er sich ein Idol der Anbetung. Weil er sich für unfähig und unwürdig hält, erfindet er den Thron, auf den er den Götzen setzt. Nie und nimmer käme er auf den Gedanken, sich mit dem Herrn zu messen. Schon der Vergleich käme ihm als pure Anmaßung vor.

Die Selbstverachtung hat ihre eigene Geschichte. Anfangs erniedrigt sich der Untertan, um erhört und erhöht zu werden. Er betet und dient, damit er in den Kreis der Auserwählten aufgenommen wird. Er schuftet sich ab, um etwas zu gelten. Damit vom Ruhm des Herrn etwas für ihn abfällt, sucht er dessen Nähe, zuerst unauffällig, dann drängelt er sich immer dreister nach vorn, wirbt zumindest um die Gunst der Günstlinge, wenn die Wege zum Thron versperrt sind. Doch dann die Katastrophe: eine unwirsche Geste, eine abfällige Handbewegung stößt ihn ins Nichts zurück. Er hat nichts und ist nichts. Die Mühsal von Monaten war vergebens. Er versucht es abermals, doch je länger er sich anstrengt, desto mehr verfestigt sich die Unterwürfigkeit zum Habitus. Mißerfolge potenzieren seine Bemühungen, bis endlich auch die letzte Spur von Stolz dahin ist. Unmöglich kann er von der Hoffnung lassen, irgendwann, in ferner Zukunft einmal, erhört oder zumindest gesehen zu werden.

Hat sich die Unterwürfigkeit zum Charakter kristallisiert, löst sie sich von der persönlichen Bindung. Die Fügsamkeit gegenüber dem Idol wird übertragen auf die Institution, welche die Autorität repräsentiert: die Kirche, den Staat, das Militär, den Clan. Nach und nach übernimmt die Gewohnheit das Kommando. Die Gesten der Kriecherei verselbständigen sich, Muskeln und Nerven agieren wie von selbst. Unwillkürlich schlägt sich der Blick nieder, fast automatisch neigt sich der Rumpf. Der Untertan lächelt freundlich, um sich keine Blöße zu geben, pflichtet sofort jeder Meinung bei, geht sorgfältig jedem Streit aus dem Wege. Vor jedem Staatsbeamten kuscht er, jedem Würdenträger leckt er schweifwedelnd die Hand, vor jedem Uniformträger zeigt er tiefe Ehrerbietung. Einen Fremden begrüßt er mit Bücklingen, und wenn er auf einen anderen Kriecher trifft, suchen sie sich gegenseitig im Respekt zu übertreffen. Einander in höherer Stellung vermutend, katzbuckeln sie voreinander, bis das Ballett der Selbstverleugnung sie gänzlich erschöpft hat.

(aus: W.Sofsky, Das Buch der Laster, München 2009)

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