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Wolfgang Sofsky
Spinoza: Über Heiliges

Spinoza

Im 12. Kapitel des Theologisch-politischen Traktats, das 1670 in Amsterdam anonym und mit dem falschen Verlagsort Hamburg gedruckt wurde, erläutert Baruch de Spinoza, was man unter „heilig“ zu verstehen hat. Das Heilige ist für den Freidenker Spinoza, der auch der philosophische Ahnherr des Barons Holbach war, weniger eine Erfahrung oder ein Widerfahrnis, welches den Menschen überkommt, als das Ergebnis ehrfürchtiger Praxis. Heilig ist, modern gesagt, eine Angelegenheit sozialer Definitionen, ritueller Kultbräuche und Einstellungen. Heilige Objekte und Bücher werden nicht verehrt, weil sie heilig sind. Sie sind heilig, weil und solange sie als solche verehrt werden.Ein Wort, ein Buch, ein Ritus, ein Gegenstand, ein Ort X ist nicht deswegen heilig, weil X von einem Gott stammt oder weil in ihm ein Gott gegenwärtig wäre, sondern weil X dazu dient, daß Menschen in den Zustand der Frömmigkeit, der Gottesfurcht oder –verehrung versetzt werden. Heilig ist das, was Menschen für heilig halten, um Anteil, Kontakt mit dem Heiligen zu erlangen. Der Wert von X bemißt sich allein an diesem Effekt. Deshalb kann sich ein ursprünglich religiöser Gebrauch von X auch in einen Aberglauben oder in schiere Indifferenz verwandeln. Eine vormals heilige Schrift, die niemanden in den Zustand der Frömmigkeit versetzt, ist keine heilige Schrift. Heiligkeit ist mithin keine Frage des Dogmas oder eines vermeintlichen Geheimnisses, sondern eine Frage wirksamen Gebrauchs.

Alle Frömmigkeit und Bigotterie, die auf der silbengetreuen Beachtung von Wörtern, Vorschriften oder Objekten besteht, weiß insgeheim um diese profane Zerbrechlichkeit des Heiligen. Für sie ist Blasphemie, Spott oder Reliquienschändung tatsächlich ein todeswürdiges Verbrechen, weil derlei das Heilige wirklich entzaubert. Nur wer der Phantasie anhängt, Heiliges sei und bliebe immer heilig, was immer Menschen tun, hat das Heilige sicherheitshalber ins unantastbare Jenseits befördert.

„Ein Gegenstand heißt heilig oder göttlich, der zur Übung der Frömmigkeit und Religion bestimmt ist, und er ist nur so lange heilig, als er zu diesem Zweck gebraucht wird. Hören die Menschen auf, fromm zu sein, so hört auch die Heiligkeit des Gegenstandes auf, und wenn sie ihn zur Vollziehung gottloser Dinge bestimmen, so wird der vorher heilige Gegenstand zu einem unreinen und weltlichen. So nannte der Erzvater Jacob einen Ort »Haus Gottes«, weil er da den ihm offenbarten Gott verehrte; allein die Propheten nannten denselben Ort »Haus der Ungerechtigkeit« (Hamos. V. 5, Hosea X. 5), weil die Israeliten nach der Einrichtung Jerobeam’s da den Götzenbildern zu opfern pflegten. Ein anderes Beispiel macht die Sache noch klarer. Die Worte erhalten durch den Gebrauch eine bestimmte Bedeutung, und wenn sie nach diesem Gebrauch so eingerichtet werden, daß sie die Leser zur Andacht bestimmen, gelten jene Worte als heilige, wie das Buch, was so geschrieben ist. Verliert sich nun später dieser Gebrauch, so daß die Worte nichts mehr bedeuten, und daß das Buch aus Bosheit, oder weil man es nicht mehr braucht, ganz vernachlässigt wird, dann haben solche Worte und ein solches Buch keinen Nutzen und keine Heiligkeit mehr. Werden endlich dieselben Worte anders gestellt, oder wird der Gebrauch, sie in eine andere Bedeutung zu nehmen, überwiegend, dann können die Worte und das Buch, die vorher heilig waren, unrein und weltlich werden.

Daraus folgt, daß nur der Sinn unbedingt über Heiligkeit und Weltlichkeit oder Unreinigkeit entscheidet, wie dies auch aus vielen Stellen der Bibel sich ergibt. So sagt, um eine solche anzuführen, Jeremias VII. 4, daß die Juden zu seiner Zeit den Tempel Salomo’s fälschlich den Tempel Gottes genannt hätten; denn, fährt er fort, Gottes Narnen kann nur derjenige Tempel führen, der von Menschen, die Gott verehren und die Gerechtigkeit verteidigen, besucht wird; geschieht dies aber von Mördern, Dieben, Götzendienern und anderen abscheulichen Menschen, dann ist er nur der Schutzherr der Übeltäter. – Was aus der Bundeslade geworden, gibt die Bibel nicht an, was mich oft gewundert hat; allein sicher ist, daß sie untergegangen oder mit dem Tempel verbrennt ist, obgleich es nichts Heiligeres und Verehrteres bei den Juden gegeben hat.

In diesem Sinne wird die Bibel auch so lange heilig und ihre Rede göttlich sein, als sie die Menschen zur Andacht gegen Gott bewegt; sollte sie aber von ihnen ganz vernachlässigt werden, wie ehedem von den Juden, so bleibt sie nur ein beschriebenes Papier und wird eine durchaus weltliche und dem Verderben ausgesetzte Sache, und wenn sie dann verdorben wird oder zu Grunde geht, so kann man nicht sagen, das Wort Gottes sei verdorben werden oder untergegangen, wie man auch zur Zeit des Jeremias nicht sagen konnte, der Tempel sei als Tempel Gottes verbrannt. Jeremias sagt dies auch von dem Gesetz selbst, indem er den Gottlosen seiner Zeit vorhält: »Weshalb sagt Ihr, wir sind erfahren, und Gottes Gesetz ist mit uns? Gewiß ist es vergeblich eingerichtet worden; die Feder der Schreiber ist vergeblich« (gewesen), d.h. Ihr sagt fälschlich, dass Ihr das Gesetz Gottes habt, wenn auch die Bibel bei Euch ist, nachdem Ihr selbst sie nutzlos gemacht habt. – Ebenso hat Moses, als er die ersten Tafeln zerbrach, keineswegs vor Zorn das Wort Gottes aus den Händen geschleudert und gebrochen (denn wer konnte dies von Moses und dem Worte Gottes annehmen), sondern es geschah dies nur mit Steinen, die allerdings vorher heilig waren, weil das Bündnis, nach dem die Juden Gott zu gehorchen sich verpflichtet hatten, auf ihnen geschrieben stand; allein nachdem sie dasselbe durch Anbetung des Kalbes gebrochen hatten, hatte es keine Heiligkeit mehr, und aus derselben Ursache konnten auch die zweiten Tafeln mit der Lade untergehen. Es kann deshalb nicht auffallen, wenn die ersten ursprünglichen Tafeln des Moses nicht mehr da sind, und daß das mit den Büchern, die wir noch haben, sich zugetragen hat, was ich oben erwähnt habe, wenn das wahre und allerheiligste Original des göttlichen Bundes hat ganz zu Grunde gehen können.“

© WS 2016

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