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Wolfgang Sofsky
„Menschenverderber“

Im Club der bösen Denker hat man sich der Auflösung individueller und kollektiver Illusionen und Ideologien verschrieben. Eingetragene Mitglieder sind u.a. Thukydides, Tacitus, Machiavelli, Hobbes, Shakespeare, La Bruyère, Diderot, d´Holbach, Goya, Flaubert, Freud. „Menschenverderber“ hat man einige dieser Denker genannt, weil sie sagen, was Menschen tun, und nicht, was sie tun sollten. Sie sind Realisten und nichts als Realisten. Der „Menschenverderber“ verfügt über einen ungetrübten Blick auf das, was der Fall ist. Manche halten diesen Blick für einen „bösen“ Blick, weil er festhält, was ist. „Menschenverderber“ ist in Wahrheit ein Ehrentitel. Der Realist stellt die Menschen dar, wie sie sind und wie sie geblieben sind. Weder an Ideale noch an Illusionen glaubt er, zumal die allermeisten Ideale nur Betrug sind. Religion betrachtet der „Menschenverderber“ als eine menschliche Erfindung, Recht hält er für eine Kodifizierung von Macht. Dies hat ihm den Ruf eingetragen, Schlechtigkeit in die Welt zu tragen. Da er die Glaubwürdigkeit der Religion und die Legitimität des Rechts unterhöhle, öffne er der Korruption Tür und Tor. Indem er den Menschen sage, wer sie wirklich sind, mache er sie schlechter und bösartiger als sie ohnehin sind. Indem er die Gewalt seziere, fördere er die Gewalttätigkeit. Indem er das Laster studiere, leiste er ihm Vorschub. Indem er die Torheiten aufdecke, raube er den Menschen Halt und Hoffnung. Ein Menschenverderber sei er, weil er den Menschen den blanken Spiegel vorhalte. Besonders erbost sind alle, die von den Illusionen ihrer Zeitgenossen profitieren. Sie hassen den Menschenverderber, da dieser sie um ihre Anhänger, ihre Gefolgschaft bringt. Dabei weiß der Menschenverderber, daß sich die Betrüger keine Sorgen machen müssen. Der Wunsch nach Illusionen wird bleiben, die Narren und Unholde werden die Erde bevölkern, bis zum Ende.

© WS 2016

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