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Wolfgang Sofsky
Pareto: „Demokratische“ Eliteherrschaft

paretoVilfredo Pareto (1848-1923) ist neben Spencer, Weber, Simmel oder Durkheim nicht nur einer der Gründerväter der modernen Soziologie, sondern auch ein ehrenwertes Mitglied im Club der bösen Denker. Emile Durkheims Bemerkung, der Mensch müsse zwischen Gott und der Gesellschaft wählen, hätte Pareto mit Gelächter quittiert. „Gott“ war für ihn ein sinnloser Begriff, denn niemand hat Gott je gesehen. Der Glaube an die Zivilisierung der Leidenschaften oder den Fortschritt der Vernunft hielt er für einen frommen Wunsch und die demokratische Propaganda für eine verkappte Herrschaftsideologie. Für die Rationalisierung niederer Beweggründe hatte Pareto ein ausgeprägtes Gespür – und eine elaborierte Theorie. Zu den Listen der Macht gehört, sich mit Moral oder einem vermeintlichen „Volkswillen“ zu maskieren. Pareto hielt dies für eine Strategie der Füchse, die sich die Gewalt der Löwen zu ersparen suchen. Alle Gesellschaften weisen fundamentale Ungleichheiten auf, eine ungleichmäßige Verteilung der Güter, des Ansehens, der Ehre und der Macht. Diese Ungleichheit ist möglich, weil eine kleine Zahl von Menschen mit List und/oder Gewalt über die Mehrzahl herrscht. Die „Masse“ läßt sich von dieser Elite lenken und leiten. Denn meist gelingt es der Elite, die Mehrzahl von sich zu überzeugen. Eine legitime Regierung ist diejenige, der es gelungen ist, die Regierten zu der Auffassung zu überreden, daß es in ihrem ureigenen Interesse läge, daß es ihre Pflicht sei oder ihnen sogar zur Ehre gereiche, der kleinen Zahl selbsternannter Auserwählter zu gehorchen. Jedes politische Regime ist oligarchisch, jeder Politiker denkt entweder eigennützig oder naiv. Naiv denkt er, falls er selbst daran glaubt, zum Wohle aller zu arbeiten. Auch für die herrschende Elite gilt die Einsicht, daß die Bedeutung, Funktion und Motivation des Handelns nicht mit dem zusammenfällt, was die Handelnden selbst glauben.

Besonders erbost sind die Angehörigen der herrschenden Elite, die durchaus nicht homogen sein muß, wenn sich links, rechts oder mittig eine neue Gruppe bildet, die ihnen die Maskerade der Legitimität abzureißen sucht. Die Vor-, Mit- und Hauptsprecher des alten Regimes sind sofort dabei, allerlei Verunglimpfungen, Herabwürdigungen, Entehrungen zu verbreiten, um die Rivalen anzuschwärzen. Zu ihren bevorzugten Vorhaltungen gehört das Etikett der „Demokratiefeindlichkeit“. Die Wortführer der Oligarchie spielen sich als Gralshüter der „Demokratie“ auf, um die Oligarchie und deren Privileg zu verteidigen. Und sie bezichtigen die Opposition des Links-, Rechts- oder Mittepopulismus und merken gar nicht, daß sie mit diesem Etikett des Urbösen sich selbst als unpopuläre, volksferne Wortführer der Oligarchie entlarven. Aber dies gehört zu den üblichen Gepflogenheiten der Eliteherrschaft. Das Establishment verteidigt seine Privilegien, indem es die Opposition an den Pranger stellt. Und die Opposition diskreditiert das Establishment, indem es dessen Privilegien angreift und dessen Rechtfertigungen destruiert. Natürlich ist die Opposition nichts anderes als eine Art „Reserveelite“, die, falls sie jemals zur Macht gelangen sollte, ihre neue Stellung genauso verteidigen wird wie das alte Regime. Eliten sind nie von Dauer. Nach einer gewissen Zeit verschwinden sie alle. „Die Geschichte“, so Pareto, „ ist ein Friedhof von Eliten.“

1916 veröffentliche Pareto den „Trattato di Sociologia generale“. Dort heißt es über die Praktiken der demokratischen Eliteherrschaft (nach der Übersetzung von Gottfried Eisermann 1962) in zwei ausgewählten Paragraphen:

„§ 2244. Halten wir uns nicht mit der Fiktion der »Volksvertretung« auf, taubes Korn liefert kein Mehl. Gehen wir vielmehr weiter und sehen wir zu, welche Substanz sich hinter den verschiedenen Formen der Macht der herrschenden Klasse befindet. Von Ausnahmen abgesehen, die zahlenmäßig nur geringfügig und wenig dauerhaft sind, gibt es überall eine herrschende Klasse von geringem Umfang, die sich teilweise mit Gewalt und teilweise durch den Konsensus der beherrschten Klasse, die zahlenmäßig viel größer ist, an der Macht hält. Die hauptsächlichen Unterschiede beruhen in folgenden: hinsichtlich der Substanz in den Proportionen zwischen Gewalt und Konsensus, hinsichtlich der Form in der Art, wie man Gewalt anwendet und wie man den Konsensus erreicht…

§ 2267. Wenn wir alle diese Tatsachen ein wenig mit Abstand betrachten und sie soviel als möglich aus den Fesseln sektiererischer Leidenschaften und nationaler, parteimäßiger, perfektionistischer, idealistischer und anderer Vorurteile befreien, erkennen wir, daß die Herrschenden, wie auch immer die Regierungsform beschaffen sei, im Durchschnitt eine gewisse Neigung bezeigen, ihre Macht dazu zu benützen, um sich im Sattel zu halten, und sie zu mißbrauchen, um besondere Vorteile und Gewinne zu erlangen, ja daß sie zuweilen nicht einmal gut unterscheiden zwischen ihren eigenen Gewinnen und den Vorteilen ihrer Partei und daß sie sie zudem fast stets mit den Vorteilen und den Gewinnen der ganzen Nation verwechseln. Daraus folgt:

1. Von diesem Standpunkt aus gibt es keinen großen Unterschied zwischen den verschiedenen Regierungsformen. Die Unterschiede bestehen vielmehr in der Substanz, d. h. in den Gefühlen der Bevölkerung: wo sie überwiegend (oder in geringerem Maße) ehrenhaft ist, findet man auch eine überwiegend (oder in geringerem Maße) ehrenhafte Regierung.

2. Gebrauch und Mißbrauch der Macht werden um so ausgedehnter sein, je größer die Einmischung des Staates in die privaten Angelegenheiten ist. Wenn die Ausbeutungsmöglichkeiten wachsen, wächst auch das, was sich dabei herausholen läßt. In den Vereinigten Staaten von Amerika, in denen man die Moral durch Gesetz aufzwingen will, kann man große Mißbräuche erblicken, die dort fehlen, wo es diesen Versuch nicht gibt oder wo er sich in viel geringeren Proportionen bewegt.

3. Die herrschende Klasse eignet sich die Habe anderer an, nicht nur für den eigenen Gebrauch, sondern auch um daran Menschen der beherrschten Klasse teilhaben zu lassen, die sie verteidigen und ihre Macht mit Waffengewalt oder Schläue sichern helfen, ganz so wie in der Antike die Klientel dem Patron Hilfe leistete.

4. In den meisten Fällen sind weder die Patrone noch ihre Gefolgsleute sich voll ihrer Überschreitungen der Regeln der in ihrer Gesellschaft existierenden Moral bewußt, und wenn sie ihrer gewahr werden, entschuldigen sie das leicht, indem sie entweder behaupten, letztlich würden andere dasselbe machen, oder durch den fadenscheinigen Vorwand, daß der Zweck die Mittel heilige. Kann doch für sie der Zweck, die eigene Macht zu behaupten, nicht anders als großartig sein, und so verwechseln ihn zahlreiche von ihnen guten Glaubens mit der Rettung des Vaterlandes. Es gibt aber auch Menschen unter ihnen, die glauben, sie verteidigten die Ehrlichkeit, die Moral, das öffentliche Wohl, während ihr Wirken vielmehr die üblen Künste derer verbirgt, die danach streben, ganz einfach Geld zu machen.

5. Die Regierungsmaschine verbraucht auf jede Weise eine bestimmte Menge Reichtum, die nicht nur in Beziehung steht zur Gesamtmenge an ökonomischen Gütern, die den Privatpersonen gehören, in deren Angelegenheiten sich die Regierung einmischt, sondern auch zu den von der herrschenden Klasse benützten Mitteln, um sich an der Macht zu halten,…“

© W.Sofsky 2016

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