Schlagwörter

, , ,

Wolfgang Sofsky
Stefano d´Arrigo: Das weiße Herz

stefano d´arrigo

Fischer, englische Matrosen, wilde Delphine und gefräßige Sardinen haben den großen Schwertwal, den orcinus orca, die unsterbliche Tödin, dieses Ungeheuer der Meere, das allem Leben den Tod bringt, zur Strecke gebracht. Inmitten der Fluten zwischen Scylla und Charybdis trieb der riesige Kadaver dahin, dann und wann stob blutige, schäumende Flüssigkeit aus dem Atemloch hervor. Das Meer dünte in ihm wie Ebbe und Flut, Wasser filterte sich durch Krater und Höhlen, Gänge und Löcher, füllte die Lungen und leerte sich nach und nach von schwärzlichem Blut, das die Wege verstopfte, schäumte hinaus, zerstob durch die knochigen Engen, so daß es die Männer für lebendigen Atem hielten. Doch einer der Fischer warf sich todesmutig ins Wasser, schwamm vor den gigantischen Kadaver, „stopfte ihm das Seil in den Rachen und führte es zwischen den Keilen seiner Zähne her, wie eine Klampe, dann befestigte er das Seil und machte eine weitere Windung zwischen den Keilen. An diesem Punkt gab er ihnen ein Zeichen, daß sie an dem Seil ziehen sollten, um die Schlinge festzuzuzurren und auszuprobieren, ob die Bindung auch hielt. Vom Boot aus zogen sie, der Strick spannte sich von den Händen der Pellisquadre bis zum schaumbrodelnden Rachen des Kadavers. Und der Tiergigant bewegte sich: Er trieb herrlich dahin. Sie halfen Masino wieder aufs Boot, dann gruppierten sie sich am Heck und banden sich den Strick einander um die Brust, einmal vorne, einmal hinten, das Boot setzte sich in Bewegung und hatte den gigantischen Kadaver im Schlepptau, und in dieser Haltung, mit weit aufgerissenem Rachen und leicht erhöhtem vorderen Viertel, sahen sie, dass der Tiergigant unter dem Hals einen großen weißen Fleck in Form eines Herzens hatte, wie ein riesiges Muttermal, das auf eine gigantische ungestillte Lust einer trächtigen Orca hindeutete, die der Haut des Sohnes aufgeprägt war. Sie wussten nichts von diesem herzförmigen Fleck, noch hatten sie je etwas davon erfahren oder gar gesehen, und es war seltsam, dass nicht einmal Signor Cama über ein so ungewöhnliches und unerwartetes Detail von so außerordentlicher Wirkung auf den Anblick jemals geredet hatte, und das jetzt, wo es bekannt war, nur zur Ehre seiner Orca gelangen konnte, denn es musste nicht die Spur eines Anzeichens dafür in seinem Buch über die Giganten der Meere geben. Dieser absolut verborgene Tiergigant fügte im Tod noch Geheimnis zu Geheimnis, wie wenn dieser weiße, unberührte Riesenfleck in Form eines Herzens ihm im Sterben gekommen wäre, ausgeworfen von der pechschwarzen Haut. Sie waren viel zu sehr mit dem Seil beschäftigt, um miteinander zu reden, doch teilten sie sich ihr Erstaunen, in das sie das Auftreten dieses herzförmigen Muttermals auf der Haut des Orcadavers versetzte, über die Augen mit, und was für ein großes Unheil daraus entstehen konnte, wenn Donna Cristina und die Frauen es zu sehen bekamen. Wer konnte dann noch die phantasieerregte Donna Cristina mit ihrem Herzgehenk daran hindern auszurufen: »Heiliger, heiliger Ferdinando Currò«?

Es war schon beeindruckend: dieser Koloss, Bringer des Todes, glitt hinter dem Landungsboot her mit seinem Verblüffung erregenden, seinem so sichtbar zur Schau getragenen Herzen, wie ein um den Hals hängendes Medalljon von Unschuld und Reinheit, fast so, als miede es sagen: Dies ist mein Herz. Und die Pellisquadre dachten: Das Herz der Orca, das Herz des meerischen Todes.

Es dunkelte, und die Pellisquadre fühlten, dass das Wetter umschlug. Nachdem der Schirokko so viele Tage lang von Morgen und Abend gekommen war und Schweißperlen hervorgebracht hatte, ging er jetzt in einen leichten Gräkal aus Nordost über, wehte bereits mit einigen Andeutungen von abendlicher Kühle und bildete dicht auf den Wellen kleine Kämme. Der Eindruck von einem verspätet brüllenden Sommer verflog augenblicklich, und eine Brise, die den Schweiß auf der Haut gefrieren ließ, wehte aus Nordost herunter, verwirrte zuerst und zuunterst das Meer mit dem Altmeer und warf es dann mit leichtem, schäumendem Pfeifen gegen den Kadaver des Orcaferons und strudelte heckhin über das Boot hinweg.

Nicht viel Zeit verging, und, enthüllt vom milchigen Weiß der jungen Schwertfische, sahen sie in der Höhe von Punta Cavallo zuerst ein Pärchen, dann ein weiteres und ein weiteres und dann, isoliert, viele weitere Schwertfische, die zurückkehrten.“

(Stefano d´Arrigo, Horcynus Orca, Ü: Moshe Kahn, Frankfurt 2015, S.1364f.)

Advertisements