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Wolfgang Sofsky
Robert Southey: London – sublime Stadt

london

1807 veröffentlichte Robert Southey die fiktiven Briefe einer fiktiven Englandreise eines fiktiven spanischen Touristen namens Don Manuel Alvarez Espriella. Darin schildert er die britische Gesellschaft, die Moden, Sitten, politischen und religiösen Verhältnisse. Er steigt die Kuppel von St.Paul´s hinan und blickt auf das „Stadtmeer“ von London hinab. Vor ihm tut sich eine von Menschenhand erschaffene Unendlichkeit auf, woraufhin sich – naturgemäß – typische Gefühle von Erhabenheit einfinden. Nicht nur Berge, Meere, Basiliken oder Kathedralen, tosende Stürme oder brüllende Vulkane, auch eine Stadtfläche, die jenseits des Horizonts weiterwächst, übersteigt die Grenzen der menschlichen Sinnes- und Vorstellungskraft:

„So sehr ich schon bei meinem ersten Eintritte beeindruckt gewesen von den Ausmaßen dieser Baulichkeit, so ward mein Sinn für deren erhabene Größe noch weiter geschärft durch die erstaunliche Länge der Gänge, welche wir durchschritten, und durch die scheinbare Endlosigkeit der Stufen, die wir erklommen. Wir hielten uns knapp hinter unserem Führer, da wir Gefahr witterten, und daß es gefahrvoll sein könne, sich anders zu verhalten, ward uns nicht lange danach vor Augen geführt am Beispiele einer Person, welche dortselbst sich verirrte und zwei Tage und Nächte in solch mißlicher Einsamkeit ausharren mußte. Schließlich fand der Betreffende den Weg zu einem der Vordertürme. Sich hörbar zu machen, war nicht möglich. So band er sein Taschentuch an den Spazierstock und streckte denselben durch’s Fenster als ein Not-Signal, welches zuletzt auch bemerkt ward von unten, so daß er befreit werden konnte. Der beste Plan in solchen Fällen wäre freilich, die Uhr anzuhalten, sofern man den Weg zu ihr finden kann.

In allen anderen Türmen, die ich jemals erklommen hatte, war der Aufstieg zwar ermüdend, doch auf keine Weise erschreckend gewesen. Steinerne Stufen, welche sich höher und höher um einen steinernen Pfeiler emporwinden, von unten bis hinauf zum obersten Turmgemach, gerade so breit, dich aufzunehmen zwischen Mittelpfeiler und Außenmauer – dergleichen verursacht zwar arge Gliederschmerzen und einen schwindeligen Kopf, doch keinerlei Furcht vor etwa drohender Gefahr. Nun aber war das genaue Gegenteil der Fall: der Aufstieg bis hinauf zur Kuppel erfolgte über Treppenaufgänge, die unterbrochen waren mit aus Holz gefertigten Absätzen von der scheinbaren Unsicherheit eines Bau-Gerüsts. Vorspringende Balken, behangen mit Spinngeweb und schwarz von Staub, unten die gähnende Tiefe, das riesige Ausmaß des düsteren Doms, darin wir eingeschlossen waren unterm spärlichen Licht des Tages, welches eben noch dazu diente, das alles sichtbar zu machen wie es bald vor uns aufdämmerte, bald dahinschwand, jetzt schräg von der einen Seite hereinfiel, um uns gleich danach in tiefster Finsternis zu lassen: aus derlei Gegebenheiten mag man ersehen, wie furchterre-gend solche Szene sich darstellen kann, und man weiß ja, wie köstlich es ist, dergleichen Schreckensbilder aus der sichern Geborgenheit zu betrachten.

Nachdem wir zuletzt doch noch den höchsten Punkt des Domes erreicht hatten, war ich’s zufrieden. Das letzte Stück Weges bis hinauf zum Kreuz führte über eine Leiter. Und als wir bereits Umschau halten konnten so weit das Auge reichte, war nichts über mir, was noch den weiteren, mühseligeren Aufstieg gelohnt hätte. Die alten Vogelschau-Ansichten, wie sie heute, weil aus der Mode gekommen, nicht mehr in Gebrauch sind, waren dennoch nützlicher denn jegliches Ding, das heutzutage ihren Platz einnimmt: zur Hälfte Plan, zur Hälfte Bild, vermittelten sie eine accuratere, lebhaftere Vorstellung der wiedergegebenen Örtlichkeit als die sämtlichen Stadtpläne von heute. Ich hatte ja St. Paul’s auch erklommen, um London dergestalt unter mir aufgefächert zu sehen. Und wiewohl da nichts Schönes, nichts Erhabenes zu sehen war: so giebt’s immerhin nur wenige Dinge, die so erhaben sind (wenn wir unter Erhabenheit das verstehen wollen, was uns die Einbildungskraft vollkommen ausfüllt, bis zu ihres Vermögens Rande) wie die Ansicht einer großen Stadt, sobald sie sich uns auf einen einzigen Blick darbietet! Hausdächer, Kamine, von denen viele zu Türmchen geformt sind, Mauer- und Kirchtürme, die Bäume und Gärten der juridischen Fakultät und auch die fernen Plätze, welche so viel Grün in unsere Karte bringen; Westminster Abbey mit Westmin-ster Hall zur einen Seite, ein sicherlich nicht minder bemerkenswertes Object; und zur andern Hand das Monument – eine erstaunliche Säule, wohl wert eines schöneren Anlasses und einer weniger verlogenen Inschrift; dahinter der Tower und sämtliche Masten der Seefahrt; der Fluß mit seinen drei Brücken und all seinen Booten und Barken; die Straßen, sofern sie Einblick gewähren, schwarz von Menschengewimmel und den Reihen der Wagen. Gen Norden erstreckten sich Hampstead und Highgate auf ihren Anhöhen, gen Süden die Berge von Surrey. Wo die Stadt ein Ende nahm, war unmöglich zu erkennen. Schöner wär’s gewesen, wenn, wie in Madrid, die Hauptstadt von Mauern umschlossen gewesen wäre, und das offene Land gleich außerhalb solcher Umgrenzung begonnen hätte. Nach jedweder Richtung hin liefen die Reihen der Häuser, so weit das Auge reichte, und blos die Flecken Grün’s waren gegen den äußersten Rand des Blickfeldes häufiger eingestreut, dort, wo die Häuserzeilen weiter und weiter auseinander strebten. Es war ein Anblick, der mich mit ehrfürchtiger Scheu und Melancholie erfüllte. Da stand ich nun und blickte hinunter auf die Behausungen einer Millionenzahl menschlicher Wesen: auf den einzigen Ort, wo mehr Wohlstand sich zusammendrängte, mehr Glanz, mehr Erfindungskraft, mehr Weltklugheit und – Ach! – mehr Weltblindheit, mehr Armut, Erniedrigung, Ehrlosigkeit und Erbärmlichkeit denn auf jedwedem anderen Ort dieses ganzen, bewohnbaren Erdenrunds!“

© WS 2016

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