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Wolfgang Sofsky
Adalbert Stifter: Wien – Rollen, Rasseln, Prasseln

Wien1860

Der Blick vom Kirchturm hinunter auf die große Stadt, hinüber zum Horizont eröffnet eine gar ikarische Welt. Plötzlich reißt etwas auf. Wie in der Montgolfiere oder auf dem Berggipfel überkommen den Betrachter Empfindungen von Weite, Ferne, Unendlichkeit. Aber nicht eine Landschaft von Tälern, Hügeln, Feldern bietet sich dem Auge dar, sondern eine Unzahl von Details, Dächern, Schornsteinen, Winkeln, Mauern, Straßen, Droschken, Menschen. Und die Stadt“landschaft“ ist eine Art totales Erlebnis. Noch liegt die Stadtgrenze nicht jenseits des Horizonts. Doch das Sonnenlicht entzündet die Kuppeln und Dächer, unaufhörlich dringen Geräusche ins Ohr. Stadt widerfährt zuerst den Ohren, und zwar lange vor dem modernen Maschinenlärm.  Bevor der Betrachter seine Fassung zurückgewinnt, den Blick halbsouverän durch das Schauspiel schweifen läßt und bevor gängige Metaphern die erregte Seele  beruhigen, besetzen Geräusche das Sinnenfeld. Adalbert Stifter hat in der 1840er Jahren in seinen Altwiener Szenen das akustische Morgengrauen angedeutet, von höherer Warte, vom Turm von Sankt Stephan aus.

„Die Sonne ist herauf! Die unten aber haben sie noch nicht— jetzt —ganz draußen brennt plötzlich ein Teil der Stadt an; wie es blitzt und von Zeile zu Zeile lodert! Jetzt brennt’s auch dort, jetzt dort, jetzt in der ganzen Stadt, ihr Rauch vermehret sich und wallt, wie ein goldner trüber Brodem in die Morgenglut hinein. Ganze Gassen schimmern im Morgenglanze, ganze Fensterreihen belegen sich mit Gold — Turmkreuze und Kuppeln funkeln — von einzelnen Türmen fallen die sanften Klänge der Glocken zum Morgen-Ave. In den Gassen regt sich’s; schwarze Punkte werden sichtbar und bewegen sich, und schießen durch einander, sie werden immer mehr, einzelne frische Schalle schlagen herauf, das Rollen, Rasseln und Prasseln wird immer dichter, das verworrene Tönen ergreift alle Stadtteile, als ob sich Gassen und Häuser durch einander rührten, bis ein einziges dichtes, dumpfes, fortgehendes Brausen unausgesetzt durch die ganze Stadt geht. Sie ist erwacht. Indeß schwingt sich die Sonne siegend und lächelnd, wie ein silbern reines Schild, immer höher über das wirre Babel empor.

Und nun, da der Tag Alles ins Klare gebracht hat, lasse unsere Blicke durch dies schöne Schauspiel wandern, ehe der Wind sich hebt, und der Staub seinen schmutzigen Schleier über ganze Teile der Stadt, und jenen schönen Schmelz der Fernsicht legt.

Der Teil gerade zu unseren Füßen ist die eigentliche Stadt. Wir sehen sie, wie eine Scheibe um unseren Turm herumliegen, ein Gewimmel und Geschiebe von Dächern, Giebeln, Schornsteinen, Türmen, ein Durcheinanderliegen von Prismen, Würfeln, Piramiden, Parallelopipeden, Kuppeln, als sei das Alles in toller Kristallisation an einander geschossen, und starre nun da so fort. — In der Tat, von dieser Höhe der Vogelperspektive angesehen, hat selbst für den Eingebornen seine Stadt etwas Fremdes und Abenteuerliches, so daß er sich für den Augenblick nicht zu finden weiß. Wie eine ungeheure Wabe von Bienen liegt sie unten, durchbrochen und gegittert allenthalben, und doch allenthalben zusammenhängend, nur die Gassen nach allen Richtungen sind wie hineingerißne Furchen, und die Plätze wie ein Zurückweichen des Gedränges, wo man wieder Luft gewinnt. Senkrecht im Abgrund unter uns liegt der Platz St. Stephans, die Menschen laufen auf dem lichtgrauen Pflaster wie dunkle Amei-sen herum, und jene Kutsche gleitet wie eine schwarze Nußschale vorüber, von zwei netten Käferchen gezogen, und immer mehr und mehr werden der Ameisen und immer mehr der gleitenden Nußschalen.“

© WS 2016

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