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Wolfgang Sofsky
Jacob Grimm: Der Ursprung der Mondflecken

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Im 22.Kapitel seiner „Deutschen Mythologie“ von 1835 hat Jacob Grimm einige Erzählungen dokumentiert, die vom Ursprung der Mondflecken handeln. Keineswegs stammen diese Mythen nur aus Germanien. Daß die Mondscheibe nicht gleichmäßig hell leuchtet, sondern rätselhafte dunkle Schattenflächen aufweist, obwohl nichts einen Schatten zu werfen scheint, hat die Menschen vor und nach der Erfindung des Fernrohrs verstört und zu mancherlei Theorien verleitet, Theorien über weiße Hasen, Kindesräuber, Holz- oder Gemüsediebe und Schänder der Sabbatruhe.

„Die Flecken und schattigen Vertiefungen im Licht des Vollmonds haben bei mehreren Völkern seltsame aber ähnliche mythische Vorstellungen hervorgebracht. Dem indischen Volksglauben erscheinen sie wie ein Hase, nämlich Chandras, der Gott des Monds, trägt einen Hasen (sasa) und der Mond heißt darum Sasin oder Sasânka (Hasenmahl, Flecken). Auch nach mongolischer Lehre zeigen die Mondschatten eines Hasen Gestalt. Bokdo Dschagdschamuni (andere nennen ihn Schigemuni), der oberste Regent des Himmels, hatte sich einst in einen Hasen verwandelt, bloß um einem verhungernden Wandersmann zur Speise zu dienen; zu Ehren dieser tugendhaften Handlung setzte Churmusta, den die Mongolen als mächtigen Tängäri verehren, die Figur eines Hasen in den Mond. Folgendes erzählen die Einwohner von Ceylon: während Buddha, der große Gott, als Einsiedler auf Erden weilte, verirrte er sich eines tags im Wald. Nach langem Umherwandern begegnete er einem Hasen, der ihn anredete: „Kann ich dir nicht helfen, schlag den Pfad zur rechten Hand ein, ich will dich aus der Wildnis geleiten“. „Dank dir“, versetzte Buddha, „aber ich bin arm und hungrig, ich vermag deine Gefälligkeit nicht zu belohnen“. „Bist du hungrig“, sagte der Hase, „so zünde ein Feuer an, töte, brate und iß mich“. Buddha machte Feuer; gleich hüpfte der Hase hinein. Nun bewies Buddha seine göttliche Kraft, riß das Tier aus den Flammen und versetzte es in den Mond. Seitdem ist in dem Mond immer ein Hase zu sehen…

Eine altn. Fabel erzählt: Mâni (der Mond) nahm zwei Kinder, Bil und Hiuki von der Erde weg, als sie eben aus dem Brunnen Byrgir Wasser schöpften und den Eimer Sægr an der Stange Simul auf ihren Achseln trugen. Diese Kinder gehen hinter dem Mâni her, wie man noch von der Erde aus sehen kann. Daß hierunter nicht die Phasen des Monds, sondern seine Flecken verstanden wurden, folgt schon aus dem Bilde selbst. Der Mondwechsel kann nicht die Vorstellung zweier Kinder mit dem Wassereimer auf ihren Schultern erzeugen. Dazu kommt, daß das schwedische Volk bis auf heute zwei Leute, die einen großen Eimer auf der Stange zusammen tragen, in den Mondsflecken erblickt.  Bil war vermutlich ein Mädchen, Hiuki ein Knabe, …

Was uns das wichtigste scheint aus dieser heidnischen Einbildung vom kinderstehlenden Mondsmann, welche auch außerhalb dem Norden in ganz Deutschland und vielleicht weiter im Schwange gewesen sein wird, hat sich hernach eine christliche Modification ergeben. Man erzählt, der Mann im Mond sei ein Holzdieb, der am heiligen Sonntag unter der Kirche Waldfrevel verübt habe und nun zur Strafe in den Mond verwünscht worden sei: da erscheint er mit Axt auf dem Rücken und Reisholzbündel an der Hand. Ganz deutlich hat sich die Wasserstange des heidnischen Märchens in den Axtstiel, der getragene Eimer in den Dornbusch umgewandelt; die Idee des Diebstahls wurde beibehalten, vorzüglich aber Heilighaltung des christlichen Feiertags eingeschärft; der Mann leidet weniger Strafe darum, weil er Brennholz gehauen, als daß er es sonntags getan hat. Die untergeschobene Geschichte stützt sich auf IV.Mos. 15, 32–36, wo von einem Mann erzählt ist, der am Sabbat Holz gelesen und den die israelitische Gemeinde zu Tod steinigte, alles ohne Erwähnung des Monds und seiner Flecken. Wann diese Fabel in Deutschland zuerst erschien vermag ich nicht nachzuweisen, jetzt ist sie fast allgemein herschend;…

Kuhns Märk. Sagen no. 27. 104. 130 liefern drei verschiedene Erzählungen, nach der einen soll ein Besenbinder am Sonntag Reiser gebunden oder eine Spinnerin gesponnen, nach der andern ein Mann Mist gebreitet, nach der dritten Kohlstauden gestohlen haben und die Gestalt mit dem Reisbündel, der Spindel, Mistgabel und Kohlstaude die Mondflecken bilden…. Die abergläubischen Leute gaben vor, die schwarzen Flecken im Mondlicht seien der Mann, der am Sabbat Holz gelesen und darüber ist gesteinigt worden. Die holländische Volkssage läßt den Mann Gemüse stehlen, mit dem ›bundel moes‹ auf den schultern zeigt er sich im Mond. Ziemlich alt scheint die englische Überlieferung. Chaucer im Testament of Creseide 260–64 schildert den Mond als Lady Cynthia:
her gite was gray and ful of spottis blake,
and on her brest a chorle paintid ful even
bering a bush of thornis on his bake
whiche for his theft might clime no ner the heven,
der Dornbuschträger wird seines Diebstahls wegen nicht in den Himmel gelassen und muß im Mond bleiben….

Alle diese Auslegungen treffen darin überein, daß sie eine Menschengestalt in den Mondsflecken annehmen, die etwas auf der Schulter trägt, sei es den Hasen, die Stange mit dem Eimer, die Axt mit den Dornen oder die bloße Dornenlast. Aus dem Holzdieb und Brudermörder werden die Mondsflecken, aus dem Spreudieb die Streifen der Milchstrasse gedeutet.“

© W.Sofsky 2016

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