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Wolfgang Sofsky
Samuel Beckett: Über Belacqua, Beatrice und den Ursprung der Mondflecken

Im zweiten Gesang des Paradiso setzt Beatrice, die Dante durch die himmlischen Sphären geleitet, zu ausführlichsten Erörterungen an, den Ursprung der Mondflecken betreffend. Die Frage entlockte ihr zwar nur ein müdes Lächeln. Doch dann weist sie die Hypothese des Averroes in aller Umständlichkeit zurück. Die Flecken rühren nicht von der unterschiedlichen Dichte des ätherischen Mondkörpers her, denn unterschiedliche Merkmale von Himmelskörpern müssen mittels unterschiedlichen Ursachen erklärt werden, und bei einer Mondfinsternis müßte die Sonne ja regelrecht durch die dünnen Löcher hindurchscheinen, was offensichtlich nicht der Fall ist. Sodann legt sie Gedanken über den Zusammenhang von Helligkeit, Spiegel und Dichteschichten dar, wobei sie naturgemäß von der Astronomie des Sonnensystems wie von der Physik der Lichtwellen noch Lichtjahre entfernt ist. Der langatmige Diskurs führt in manche Sackgasse, denn die Widerlegung falscher Thesen mit falschen Argumenten hinterläßt zuletzt nur falsche Ideen.

Einem nicht unbekannten Leser Dantes erging es ähnlich, Belacqua nämlich, einer Figur des frühen Beckett, der 1932 in der Erzählung „Dante und der Hummer“ an der Lektüre von Beatrices Mondfleckentheorie schier verzweifelt und sich daher lieber mit dem Hummer befaßt.

„Es war Morgen, und Belacqua hatte sich im ersten Mondcanto so festgelesen, daß er weder vor noch zurück konnte. Die selige Beatrice war da, nebst Dante, und sie erklärte ihm die Mondflecken. Sie zeigte ihm zunächst, wo er im Irrtum war, dann brachte sie ihre eigene Erklärung. Diese hatte sie von Gott, er konnte sich also darauf verlassen, daß sie in allen Einzelheiten stimmte. Er brauchte ihr nur Schritt für Schritt zu folgen. Der erste Teil, die Widerlegung, ging glatt vonstatten. Sie machte ihre Sache klar, sie sagte, was sie zu sagen hatte, kurz und bündig. Aber der zweite Teil, die Beweisführung, hatte es so in sich, daß Belacqua nicht wußte, wo er anfangen oder aufhören sollte. Die Zurückweisung, der Verweis, das ging von selbst. Aber dann kam der Beweis, ein kurzes Stenogramm der Tatsachen, und Belacqua steckte wirklich fest. Es verdroß ihn auch, da es ihn zu Piccarda drängte. Und doch brütete er weiter über dem Rätsel, er wollte sich nicht geschlagen geben, er würde wenigstens die Bedeutung der Worte verstehen, die Reihenfolge, in der sie gesprochen wurden, und die Art der Genugtuung, die sie dem falsch unterrichteten Poeten verschafften, so daß dieser sich am Ende erfrischt fühlte und seinen schweren Kopf heben konnte, um seinen Dank abzustatten und in aller Form seine frühere Meinung zurückzunehmen.

Er versuchte immer noch, in diesen unzugänglichen Abschnitt einzudringen, als er es Mittag schlagen hörte. Sofort schaltete er von dieser Arbeit ab. Er schob seine Finger unter das Buch und ließ es auf sich zugleiten, bis es ganz auf seinen Handtellern lag. Die Göttliche Komödie offenliegend auf dem Lesepult seiner Hände. So hob er es unter die Nase und klappte es dort zu. Er hielt es eine Zeitlang in der Luft, schielte ärgerlich darauf und preßte den Deckel mit den Handkanten aneinander. Dann legte er es beiseite.“

© W.Sofsky 2016

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