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Wolfgang Sofsky
Hugo Ball: Der magische Bischof

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Was Hugo Ball vor hundert Jahren, am 14.Juli 1916, im Zunfthaus zur Waag tatsächlich vorgetragen hat, ob ein dadaistisches Gründungs-, Abschieds- oder Nullmanifest, ist nach Sichtung der Quellen und trotz aller Erfindung von Traditionen schlichtweg unbekannt. Dada hatte ohnehin, wie manch andere Avantgarde, die Neigung, sich in Manifesten zu manifestieren. Anhänger, Adepten und Historiker mißverstanden solche Texte oft als wörtliches Glaubensdokument, obwohl ein Dada-Manifest auch nur Dada ist.

Weit interessanter ist ein anderer Bericht Hugo Balls, derjenige vom Abend des 23.6.1916, als er sich in eine Art kubistisches Bischofskostüm zwängte und einige Lautgedichte vortrug, was zu einem Prozeß der „inneren Überwältigung“ führte, durch den Rhythmus der Rezitation, die regelmäßigen Armbewegungen, die Starrheit des Kostüms, die selbst auferlegte Ernsthaftigkeit, nicht zuletzt die physische Kindheitserinnerung an sakrale Aufführungen. Diese Verwandlung führte Ball in eine andere Sphäre. In seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen „Die Flucht aus der Zeit“ berichtet er von diesem denkwürdigen Widerfahrnis.

„23.VI. Ich habe eine neue Gattung von Versen erfunden, »Verse ohne Worte« oder Lautgedichte, in denen das Balancement der Vokale nur nach dem Werte der Ansatzreihe erwogen und ausgeteilt wird. Die ersten dieser Verse habe ich heute abend vorgelesen. Ich hatte mir dazu ein eigenes Kostüm konstruiert. Meine Beine standen in einem Säulenrund aus blauglänzendem Karton, der mir schlank bis zur Hüfte reichte, so daß ich bis dahin wie ein Obelisk aussah. Darüber trug ich einen riesigen, aus Pappe geschnittenen Mantelkragen, der innen mit Scharlach und außen mit Gold beklebt, am Halse derart zusammengehalten war, daß ich ihn durch Heben und Senken der Ellbogen flügelartig bewegen konnte. Dazu einen zylinderartigen, hohen, weiß und blau gestreiften Schamanenhut.

Ich hatte an allen drei Seiten des Podiums gegen das Publikum Notenständer errichtet und stellte darauf mein mit Rotstift gemaltes Manuskript, bald am einen, bald am andern Notenständer zelebrierend. Da Tzara von meinen Vorbereitungen wußte, gab es eine richtige kleine Premiere. Alle waren neugierig. Also ließ ich mich, da ich als Säule nicht gehen konnte, in der Verfinsterung auf das Podest tragen und begann langsam und feierlich:

gadji beri bimba
glandridi lauli lonni cadori
gadjama bim beri glassala
glandridi glassala tuffm i zimbrabim
blassa galassasa tuffm i zimbrabim…

Die Akzente wurden schwerer, der Ausdruck steigerte sich in der Verschärfung der Konsonanten. Ich merkte sehr bald, daß meine Ausdrucksmittel, wenn ich ernst bleiben wollte (und das wollte ich um jeden Preis), dem Pomp meiner Inszenierung nicht würden gewachsen sein. Im Publikum sah ich Brupbacher, Jelmoli, Laban, Frau Wigman. Ich fürchtete eine Blamage und nahm mich zusammen. Ich hatte jetzt rechts am Notenständer »Labadas Gesang an die Wolken« und links die »Elefantenkarawane« absolviert und wandte mich wieder zur mittleren Staffelei, fleißig mit den Flügeln schlagend. Die schweren Vokalreihen und der schleppende Rhythmus der Elefanten hatten mir eben noch eine letzte Steigerung erlaubt. Wie sollte ich’s aber zu Ende führen? Da bemerkte ich, daß meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Meßgesangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt.

Ich weiß nicht, was mir diese Musik eingab. Aber ich begann meine Vokalreihen rezitativartig im Kirchenstile zu singen und versuchte es, nicht nur ernst zu bleiben, sondern mir auch den Ernst zu erzwingen. Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungensgesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben, der in den Totenmessen und Hochämtern seiner Heimatspfarrei zitternd und gierig am Munde der Priester hängt. Da erlosch, wie ich es bestellt hatte, das elektrische Licht, und ich wurde vom Podium herab schweißbedeckt als ein magischer Bischof in die Versenkung getragen.“

© W.Sofsky 2016

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