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Wolfgang Sofsky
Holbach: Der gläubige Tyrann

d'Holbach

Im 24.Kapitel seines Hauptwerks „System der Natur“ (1770) prüft  Paul Henry Thiry d´Holbach, der Namenspatron dieses Instituts, den Einfluß, „welchen der Glaube an Gott auf die Moral, die Politik, die Wissenschaft und die Wohlfahrt der Völker und Individuen“ hat. Hier findet sich auch das moralische Psychogramm des gläubigen Tyrannen, dem die Religion nicht nur Rechtfertigung, sondern vor allem Entlastung und Ansporn ist.

„Auch die Fürsten leiten ihre Macht unmittelbar von Gott ab und bedienen sich seines schrecklichen Namens, um ihre Völker in Gehorsam zu erhalten…so viele benutzen ihre Macht nur, um ihre Launen zu befriedigen, und bemerken in ihrer Torheit nicht einmal, daß sie, indem sie ihre Völker mißhandeln, sich selbst den größten Schaden zufügen. Durch unwürdige Schmeichelei vergöttert, halten sie sich für Herren des Gesetzes und handeln eigenmächtig im Namen der Gesellschaft, die ihre Stimme nicht laut werden lassen darf. Sie bestimmen, was Recht, was Unrecht sein soll und entziehen sich willkürlich den Gesetzen, die sie Anderen auferlegen. Sie lassen ihrer Willkür freien Lauf, weil sie der Straflosigkeit sicher sind; sie verachten die öffentliche Meinung und Sitte; sie verachten das Urteil derer, die sie jeden Augenblick unter dem Gewichte ihrer Übermacht zerschmettern können…

Fast alle Fürsten haben religiöse Bildung gehabt, aber nur sehr wenige unter ihnen waren sittlich gebildet und durch echte Tugendübung ausgezeichnet. Die Religion hat nur dazu beigetragen, sie noch sorgloser in ihrer Zügellosigkeit zu machen, da ihnen die Religion ein sehr bequemes Mittel darzubieten schien, die beleidigte Gottheit wieder zu versöhnen…

Wenn so viele Fürsten bei aller Religiösität doch so wenig Tugend besaßen, so können wir wohl daraus den Schluß ziehen, daß die Religion ihrer Moralität eher nachteilig als förderlich gewesen sei. Wer einmal sich für mächtig genug hält, dem Haß der Menschen Trotz bieten zu können, wer einmal hartherzig genug ist, um bei den Leiden der Menschheit ungerührt zu bleiben, der wird sich auch in seinem Tun durch die Furcht vor einem strafenden Gotte nicht irre machen lassen; wer einmal bis zu solchem Grade sein Gemüt verhärtet hat, der wird durch nichts im Himmel und auf Erden sich erweichen lassen, ja für den wird die Religion nur noch ein Reizmittel zu größerer Kühnheit werden. Denn je leichter man es dem Menschen macht, ein Verbrechen zu verbüßen, desto leichtsinniger wird er Verbrechen begehen. Die zügellosesten Menschen sind ihrer Religion oft sehr ergeben, weil sie ihnen die Mittel an die Hand gibt, das Mangelhafte in ihren Sitten durch religiöse Übungen zu ersetzen; denn freilich ist es weit leichter, gewisse Lehrsätze anzunehmen und zu glauben und gewisse Gebräuche zu beobachten, als Gewohnheiten abzulegen und seinen Leidenschaften zu widerstehen.“

© W.Sofsky 2016

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