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Wolfgang Sofsky
Grillparzer: Über Politik und Eselei

Franz Grillparzer war ein regelmäßiger Tagebuchschreiber. Geboren 1791, im Todesjahr Mozarts, und gestorben ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Reiches, erlebte er nicht nur die Wechsel des Kunstgeschmacks, sondern auch die napoleonischen Kriege, die Restauration Metternichs, diverse Revolten, Kriege, Repressionen und die deutsche Gemütsneigung zu Träumerei, Idealismus und Wirklichkeitsverleugnung. Seine Bemerkungen sind bisweilen mißvergnügt, gallig, aber stets unbestechlich. Hier einige Proben:

„Die sogenannte moralische Ansicht ist der größte Feind der wahren Kunst, da eine der Hauptvorzüge dieser letztern gerade darin besteht, daß man durch ihr Medium auch jene Seiten der menschlichen Natur genießen kann, welche das Moralgesetz mit Recht aus dem wirklichen Leben entfernt hält.“ (1830)

„In gewissen Ländern scheint man der Meinung, drei Esel machten zusammen einen gescheiten Menschen aus. Das ist aber grundfalsch. Mehrere Esel in concreto geben den Esel in abstracto, und das ist ein furchtbares Tier.“ (1838)

„Bei Beurteilung der politischen Ereignisse kann als Regel dienen, daß hinter allem, was den Anschein des Unverfänglichen hat, ein geheimer Plan steckt, wogegen das, was planmäßig zu sein scheint, gewöhnlich keinen Hintergrund hat als die vollkommene Gedankenlosigkeit.“ (1838)

„Die Regierung soll durch die Presse ebensogut belehrt werden als die Privaten, also kann die Regierung auf die Presse keinen Einfluß ausüben.“ (1848)

„Die Schurken sind immer praktisch tüchtiger als die ehrlichen Leute, weil ihnen die Mittel gleichgültig sind.“ (1848)

„Der östreichische Staat hat sich rekonstruiert, d. h. mit einigen neuen aufgedrungenen Formen auf die alten Grundlagen wiederhergestellt: Gewalt und Dummheit. Aber die Gewalt kann nicht dauern, weil man die Armee auf die Länge nicht bezahlen kann, und die Dummheit hält nicht Stich, weil man, um auch nur den materiellen Fortschritten der Nachbarn die Waage zu halten oder ausgiebige Steuerobjekte zu haben, den Verstand nicht entbehren kann. Ob aber der Verstand, wenn er sich an allem übt, den Aberglauben verschonen wird, ist eine oder vielmehr keine Frage. Was dann? Wenn Gehorsam, Ehrenhaftigkeit und Rechtschaffenheit, ohne der innern Überzeugung Spielraum zu geben, nur halb erzwungen, halb aus den Geboten einer Religion hergeleitet werden, die sich überlebt hat und zu voller Wirksamkeit nie mehr zurückkehren wird, wo soll man diese notwendigen Elemente jedes geordneten Staatslebens irgend hernehmen? Abgerechnet davon, daß die Untertanen vielleicht keine Lust haben, Wortbrüchigkeit und Treulosigkeit als ein Hoheitsrecht, als ein privilegium exclusionis der Regierung zu betrachten.“ (1852)

© WS 2016

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