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Wolfgang Sofsky
William Hogarth: Aberglauben und Fanatismus

hogarthcredulityDaß Frömmelei und Fanatismus keine Spezialität einer Religion sind, bezeugt ein Druck des englischen Malers und Kupferstechers William Hogarth aus dem Jahre 1761. Er spottet über die religiöse Inbrunst der Methodisten, einer strenggläubigen, gesinnungs- und lebensstrengen, von diversen Erweckungen heimgesuchten Kirche des Protestantismus. Georg Christoph Lichtenberg hat – wie üblich – im Göttinger Taschenkalender von 1787 einzelne Motive des Stichs über „Leichtgläubigkeit, Aberglauben, Fanatismus“ kommentiert und auch etwas zum tieferen Sinn gezielter Verspottung bemerkt: „Inwieweit aber alsdann die Satire gerecht oder ungerecht wäre, zu entscheiden, ist hier der Ort nicht, auch ist es nicht nöthig. Wenn wir nur darin eins sind, daß es solche Thoren und Betrüger… überall gibt, und daß sie sich täglich mehr ausbreiten, so kann es uns gleichgültig seyn zu wissen wie sie heißen und welche Secte die meisten liefert.“

Von hoher Kanzel predigt der Pastor auf die Gemeinde ein, unter dem Talar trägt er das Rautenkostüm des Harlekin. In der Linken hält er den Teufel mit dem Bratrost für die bösen Seelen, in der Rechten dessen Großmutter, auf dem Besen reitend und mit dürrer Brust die schwarze Katze säugend.

Aus der geistlichenhogarthcredulity2Gewehrkammer des Bösen stammen diese Figuren. Mit Eifer und Zorn donnert der Prediger auf die Gemeinde herab, so daß es ihm die Pastorenperücke vom Kopf reißt, was ihn nicht nur den Heiligenschein kostet, sondern auch die Tonsur jesuitischer Rechtgläubigkeit zu Tage treten läßt. Aber was würde man noch zu sehen bekommen, verdeckte das Holz der Kanzel nicht den Unterleib des fanatischen Predigers?

Auf der rechten Seite erkennt man ein Thermometer, das die Siedezustände der religiösen Gefühle anzeigt. Die Skala beginnt unten bei der Gehirnkugel mit „Selbstmord, Tollheit, Verzweiflung, fixes Herzensweh, Todeskampf, Kummer, Niedergeschlagenheit, Laulicht, hier ist die mittlere Temperatur; nun wird’s plötzlich heißer: Liebesgluth, Fleischeslust, Entzücken, Zuckungen, Tollheit (über der mittleren Temperatur, vorher hatten wir sie drunter) und endlich der Rase-Punkt auf einem Wölkchen angegeben, aus welchem ein Paar Cherubim in ihre Trompetchen stoßen.“ Im Lustpunkt in der Glorie sind Liebe und Wollust eins.

hogarthcredulity3Ihre Entsprechung finden diese Zustände des religiösen Gemüts nicht nur in den vielen Einzelfiguren und Paaren, die auf mancherlei Vorkommnisse der Zeit anspielen, sondern auch in der Menge gegenüber, die den Worten des Predigers lauscht. Verzweiflung, Ergriffenheit, Zorn und Inbrunst lassen sich aus den Gesichtern lesen; keiner scheint recht mehr bei Verstand, so sehr sind sie von den Donnerworten des Fanatikers getroffen. Hinter dem Fenster indes steht ein Muselmann mit Turban und Pfeife. Heilfroh scheint er, dieser Gemeinde christlicher Narren nicht anzugehören und von dem Irrsinn des Glaubens verschont zu sein.

© W.Sofsky 2016

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