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Wolfgang Sofsky
Sam Francis: Weißzellen

Francis, Sam, Grey Space

Anfang der 1950er Jahre malte Sam Francis, gerade in Paris angekommen und fest gewillt, dem Einfluß des Abstrakten Expressionismus zu entgehen, einige weiße Bilder. Seine Reise nach Europa kommentierte er 1988 in einem Gespräch: „Ich wollte einfach nach Paris gehen; mir war nicht bewußt, was ich tat. Ich bin meinen Weg gegangen. Ich wollte mich außerhalb der USA aufhalten. Ich hatte das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben, und ich wollte die europäische Kunst sehen. Ich wollte die wahre Malerei sehen, ganz gleich welche.“ Bevor er jedoch bei Bonnard, Gauguin, Matisse und vor den Seerosen Monets die Farbe für sich entdeckte und sie daraufhin zur Explosion brachte, sorgte er für tabula rasa, monochrome Bilder in milchigem Weiß und Grau, mit biomorphen, zellenartigen Gebilden, dünnflüssig lasiert oder in tropfenden Schlieren sich auflösend. Diese Bilder ohne Sinn und Referenz (hier: Grey Space 1950/1, Ulster Museum, Belfast) verleiten zu vielerlei Deutungen: das Weiß des Anfangs, der Leere, der Elemente, der Stille, der Meditation, des vagierenden Nichts usw. Doch der Kalifornier in Paris dachte womöglich weniger an ein Gewebe von Zellen oder an einen Blick ins Mikroskop, sondern an einen alten Mythos. In einem Gespräch soll Francis seinen Pinsel einmal als Harpune bezeichnet haben, mit dem Kapitän Ahab den weißen Wal jagt. So blieb Moby Dick (vgl. Melville auf diesen Seiten) auch in manchen späteren Arbeiten gegenwärtig: das leere Weiß im Zentrum des Bildes, umgeben von Tropfen, Klecksen, Strichen, Schlieren in intensivster Farbigkeit.

© WS 2016

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