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Wolfgang Sofsky
James George Frazer: Hanged God

Frazer

In einigen Religionen gibt es nicht nur die Vorstellung, daß Götter sterben und alsdann erneut aufstehen, sondern auch eine mythische Erzählung, wonach ein Gott oder Dämon an einen Baum aufgehängt wird. Das bekannteste Exemplum ist der christliche Jesus, der am arbor infelix stirbt, die Lanze in die Seite gestoßen. Aber auch der nordische Odin gehört in den Kreis der „hanged gods“. Gelegentlich wird ein Gott – wie Adonis oder Attis – geopfert, um das Wachstum der Vegetation zu fördern; manchmal opfert er sich – wie Odin – selbst, um in die Weisheit der Welt eingeweiht zu werden. Mitunter werden jedoch auch andere Lebewesen an Bäumen geopfert, wie der vorwitzige phrygische Satyr Marsyas, der es musikalisch mit Apoll aufnehmen wollte. Sir Frazer, der große Religionsethnologe und Anthropologe, hat im „Golden Bough“, diesem Kompendium religiöser Tötungsriten, Opferfeuer, Fruchtbarkeitszaubereien, Tabus und magischen Praktiken zum fraglichen Motiv ein paar Hinweise gesammelt. Die  Passage aus Odins Runenlied in der Edda ist hier jedoch nach der Simrock-Übersetzung eingefügt.

„Im Heiligen Haine zu Upsala wurden Menschen und Tiere dadurch geopfert, daß man sie an heiligen Bäumen aufhing. Die dem Odin geweihten Menschenopfer wurden regelmäßig durch Erhängen oder durch Erhängen und gleichzeitiges Erdolchen getötet. Der Mann wurde an einem Baum oder einem Galgen emporgezogen und alsdann mit einem Speer verwundet. Daher wurde Odin der Gott des Galgens oder der Gott der Gehängten genannt und unter einem Galgenbaum sitzend dargestellt. Ja, er soll selbst auf die gewöhnliche Art geopfert worden sein, wie wir aus den unheimlichen Versen des Hávarnál erfahren. Darin beschreibt der Gott, wie er seine göttliche Kraft erwarb, indem er die magischen Runen erlernte:

Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann
Aus welcher Wurzel er sproß.

Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt ich mich nieder
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde. (Edda, Havamal, 139f., Ü: E.Simrock)

Die Bagobos von Mindanao, einer der Phillipinen, opferten früher alljährlich Menschen in ähnlicher Weise, um das Wachstum des Getreides zu fördern. Anfang Dezember, wenn das Sternbild des Orion um sieben Uhr abends am Himmel erschien, wußten die Leute, daß die Zeit gekommen war, um die Felder zur Saat zu bereiten und einen Sklaven zu opfern. Das Opfer wurde gewissen mächtigen Geistern als Dank für das gute Jahr dargebracht, welches das Volk gehabt hatte, und außerdem, um sich die Gunst der Geister im folgenden zu sichern. Das Opfer wurde an einen großen Baum im Walde geführt. Dort wurde es mit dem Rücken an den Baum gebunden und seine Arme über dem Kopfe ausgestreckt in der Stellung, in der die antiken Künstler den Marsyas darzustellen pflegten, wie er an dem verhängnisvollen Baume hing. Während es so an den Armen hing, wurde es getötet, indem man ihm einen Speer in der Höhe der Achselhöhlen durch den Körper bohrte. Später wurde der Körper an der Taille mitten durchgeschnitten, und die obere Hälfte ließ man eine Weile vom Baum herabhängen, während die untere Hälfte am Boden sich im Blute wälzte. Die beiden Teile wurden schließlich in einen flachen Graben neben den Baum geworfen. Bevor man dies tat, durfte jeder, der es wollte, ein Stück Fleisch oder eine Haarlocke von dem Leichnam abschneiden und sie zum Grabe eines Verwandten tragen, dessen Körper von einem Ghul verzehrt wurde. Von dem frischen Leichnam angelockt, würde der Ghul den vermodernden, alten Körper in Frieden lassen.

Diese Opfer sind heute noch lebenden Männern dargebracht worden. In Griechenland scheint die große Göttin selbst alljährlich i n e f f i g i e in ihrem heiligen Haine zu Confylea in den Arcadischen Bergen aufgehängt worden zu sein, und sie führte infolgedessen dort den Namen die „Erhängte“. Eine Spur von einem ähnliche Kult läßt sich in der Tat selbst in Ephesus, dem berühmtesten ihrer Heiligtümer, nachweisen, und zwar in der Sage von einer Frau, die sich erhängte und darauf von der mitleidigen Göttin in ihre eigenen geheiligten Gewänder gehüllt und Hecate benannt wurde. Ebenso wurde zu Melite in Phtia die Geschichte von einem Mädchen erzählt, mit Namen Aspalis, die sich erhängte, die aber scheinbar nur eine Abart der Artemis war. Denn nach ihrem Tode konnte man ihre Leiche nicht finden, aber ein Bild von ihr wurde gefunden, das neben dem Bilde der Artemis stand, und das Volk gab ihm den Namen Hecaerge oder Weitschießerin, einen der regelmäßigen Beinamen der Göttin. Alljährlich opferten die Jungfrauen dem Bildnis eine junge Ziege, indem sie diese aufhängten, weil Aspalis sich erhängt haben sollte. Das Opfer mag ein Ersatz für das Aufhängen eines Bildes oder eines menschlichen Stellvertreters der Artemis gewesen sein. In Rhodos wurde die schöne Helena unter der Bezeichnung „Helena des Baumes“ verehrt, denn die Königin der Insel hatte sie durch ihre Mägde, die als Furien verkleidet waren, an einem Ast aufhängen lassen. Daß die asiatischen Griechen Tiere auf diese Weise opferten, beweisen Münzen aus Ilium, die einen an einem Baume aufgehängten Ochsen oder eine Kuh darstellen, die von einem in den Zweigen oder auf dem Rücken des Tieres sitzenden Mann totgestochen werden. Auch in Hierapolis wurden die Opfer an Bäumen aufgehängt, ehe man sie verbrannte. Mit diesen griechischen und skandinavischen Parallelen vor unseren Augen vermögen wir wohl die Annahme kaum als völlig unwahrscheinlich abzutun, daß in Phrygien vielleicht Jahr für Jahr ein Menschengott an dem heiligen, aber verhängnisvollen Baume gehangen haben mag.“ (James George Frazer, Der goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker, Leipzig 1928, 517ff.)

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