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Wolfgang Sofsky
Ludwig Wittgenstein über Frazers „The Golden Bough“

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Zu den aufmerksamsten, wenngleich unwilligsten Lesern von Frazers „Goldenem Zweig“ gehörte Ludwig Wittgenstein. Wie Frazer hielt sich Wittgenstein in den 30er Jahren in Cambridge auf. Daß sich die beiden je begegneten, ist unbekannt. Frazer, der viktorianische Ethnologe im Geiste des Evolutionismus, hatte fast sein ganzes Gelehrtenleben am Trinity College zugebracht. Er war in den 1930ern Jahren bereits in den späten 70ern und fast blind. Wittgenstein war 35 Jahre jünger und hatte vor dem Großen Krieg am Trinity College studiert. 1929 wurde er in Cambridge mit dem „Tractatus“ promoviert, gab in den 30ern Kurse und Vorlesungen, wurde jedoch erst 1939 auf den Lehrstuhl von G.E.Moore berufen. 1930 ließ er sich aus dem ersten Band von Frazers 12bändigem Werk vorlesen, später besaß er als Leseexemplar die einbändige Ausgabe von 1922. Im Sommer 1931 notierte er einige Bemerkungen in sein Manuskriptbuch. Viele Jahre später kamen ein paar Anmerkungen auf Papierzetteln hinzu. G.E.Anscombe fand sie nach seinem Tod in seiner Hinterlassenschaft. Die „Remarks“ wurden erstmals 1967 publiziert und sodann in den Sammelband „Philosophical Occasions: 1912-1951“ (1993) aufgenommen. Wittgenstein störte sich besonders an der  Verwechslung von Magie mit einer Art primitiver Wissenschaft, dem eurozentrischen Evolutionismus, den Projektionen in Frazers Beschreibungen sowie an der Verharmlosung des Befremdlichen zur irrigen Abweichung vom Vertrauten. Mythen beschreiben und erklären nichts, sie geben keine Meinung wieder. Die Wahrheitsfrage stellt sich gar nicht. Riten bezwecken nichts, sondern zeigen etwas. Man kann Wittgensteins Bemerkungen unschwer als Kritik einer Religionskritik lesen, die auf prompte  Aufklärung durch Gegenbeweise setzt, ohne den langen Weg der Aufklärung religiöser Motive zu gehen. Wenn man nicht erkundet, weshalb Menschen das glauben, was sie glauben, wird man gegen Irrglauben nie etwas ausrichten können. Hier ein paar Passagen:

„Man muß beim Irrtum ansetzen und ihn in die Wahrheit überführen. D.h. man muß die Quelle des Irrtums aufdecken, sonst nützt uns das Hören der Wahrheit nichts. Sie kann nicht eindringen, wenn etwas anderes seinen Platz einnimmt. Einen von der Wahrheit zu überzeugen, genügt es nicht, die Wahrheit zu konstatieren, sondern man muß den Weg vom Irrtum zur Wahrheit finden…

Schon die Idee, den Gebrauch – etwa die Tötung des Priesterkönigs – erklären zu wollen, scheint mir verfehlt. Alles, was Frazer tut, ist, sie Menschen, die so ähnlich denken wie er, plausibel zu machen. Es ist sehr merkwürdig, daß alle diese Gebräuche endlich so zu sagen als Dummheit dargestellt werden. Nie wird es aber plausibel, daß die Menschen aus purer Dummheit all das tun…

In effigie verbrennen. Das Bild des Geliebten küssen. Das basiert natürlich nicht auf einem Glauben an eine bestimmte Wirkung auf den Gegenstand, den das Bild darstellt. Es bezweckt eine Befriedigung und erreicht sie auch. Oder vielmehr, es bezweckt gar nichts; wir handeln so und fühlen uns dann befriedigt…

Daß der Schatten des Menschen, der wie ein Mensch ausschaut, oder sein Spiegelbild, daß Regen, Gewitter, die Mondphasen, der Jahreszeitwechsel, die Ähnlichkeit und Verschiedenheit der Tiere untereinander und zum Menschen, die Erscheinungen des Todes, der Geburt und des Geschlechtslebens, kurz alles, was der Mensch jahraus jahrein um sich wahrnimmt, in mannigfaltigster Weise miteinander verknüpft, in seinem Denken (seiner Philosophie) und seinen Gebräuchen eine Rolle spielen wird, ist selbstverständlich, oder ist eben das, was wir wirklich wissen und interessant ist…

Bei der magischen Heilung einer Krankheit bedeutet man ihr, sie möge den Patienten verlassen. Man möchte nach der Beschreibung so einer magischen Kur immer sagen: Wenn das die Krankheit nicht versteht, so weiß ich nicht, wie man es ihr sagen soll…

Frazer ist viel mehr savage, als die meisten seiner savages, denn diese werden nicht so weit vom Verständnis einer geistigen Angelegenheit entfernt sein, wie ein Engländer des 20sten Jahrhunderts. Seine Erklärungen der primitiven Gebräuche sind viel roher, als der Sinn dieser Gebräuche selbst…

Wenn es einem Menschen freigestellt wäre, sich in einen Baum eines Waldes gebären zu lassen: so gäbe es solche, die sich den schönsten oder höchsten Baum aussuchen würden, solche, die sich den kleinsten wählten, und solche, die sich einen Durchschnitts- oder minderen Durchschnittsbaum wählen würden, und zwar meine ich nicht aus Philostrosität, sondern aus eben dem Grund, oder der Art von Grund, warum der Andre den höchsten gewählt hat. Daß das Gefühl, welches wir für unser Leben haben, mit dem eines solchen Wesens, das sich seinen Standpunkt in der Welt wählen konnte, vergleichbar ist, liegt, glaube ich, dem Mythus — oder dem Glauben — zu Grunde, wir hätten uns unsern Körper vor der Geburt gewählt…

Wenn ich über etwas wütend bin, so schlage ich manchmal mit meinem Stock auf die Erde oder an einen Baum etc. Aber ich glaube doch nicht, daß die Erde schuld ist oder das Schlagen etwas helfen kann. »Ich lasse meinen Zorn aus.« Und dieser Art sind alle Riten. Solche Handlungen kann man Instinkt-Handlungen nennen. — Und eine historische Erklärung, etwa daß ich früher oder meine Vorfahren früher geglaubt haben, das Schlagen der Erde helfe etwas, sind Spiegelfechtereien, denn sie sind überflüssige Annahmen, die nichts erklären. Wichtig ist die Ähnlichkeit des Aktes mit einem Akt der Züchtigung, aber mehr als diese Ähnlichkeit ist nicht zu konstatieren.“

© W.Sofsky 2016

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