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Wolfgang Sofsky
Religiöse Bilderfeindschaft

bildersturmmünster

1522 erschien in Wittenberg ein bilderfeindliches Pamphlet des Theologen und Reformators Andreas Karlstadt „Von abtuhung der Bylder“, auf welches sich alle bilderfeindlichen Religionsfanatiker berufen können. Mißbrauch halte mit der innigen Betrachtung heiliger Bilder notwendig Einzug, Abgötterei, Prachtliebe, schnöde Verweltlichung, Glaubensabfall. Bilderstürmer und –zerstörer jeder Art, seien sie protestantisch, islamisch oder totalitär, lösen das Grundproblem, das jeder Ästhetik des Heiligen eigen ist, durch den Einsatz von Gewalt.

Das Problem umfaßt drei Gegensätze: 1. Wird eine heilige Person unschön oder ihrem Range nach unangemessen dargestellt, ist dies des jeweiligen Gottes, Propheten oder Heiligen unwürdig. Ist das Bild jedoch kunstvoll und schön, werden die Gedanken rasch von der religiösen Bedeutung abgelenkt und von der Schönheit des Werkes erfaßt. 2. Das Bildwerk soll die heiligen Personen lebendig darstellen, um das Gemüt des Betrachters zu bewegen. Fallen die Bildnisse indes allzu lebhaft, gemütvoll, anrührend aus, gerät der Betrachter in die Gefahr, das Abbild mit dem Abgebildeten zu verwechseln und sentimentaler Idolatrie zu verfallen. 3. Wird das Bildnis einer heiligen Person in gewöhnlichem Material wie einfachem Holz, billigen Farben oder wertlosem Gestein gefertigt, so ist dies des Gottes unwürdig. Wird es umgekehrt in allzu kostbarem Material wie Gold oder Edelstein geschaffen, so schätzt der Betrachter das Bildwerk um seiner Kostbarkeit willen. Aus dem Gott wird ein Goldgott, ein goldenes Kalb.

Einfache und radikale Gemüter halten diese Gegensätze für ein unauflösbares Dilemma. Sie verbannen daher jedes heilige Bild und jedes Bild des Heiligen aus der menschlichen Welt, demolieren Altäre, reißen Statuen um, zerfetzen Tafelbilder und verfolgen jeden, der sich ein Bildnis zu machen wagt.

© W.Sofsky 2016

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