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Wolfgang Sofsky
Der erwachte Souverän

Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ließ der Souverän die Amtsinhaber, die Repräsentanten, Minister und Kanzler gewähren. Regelmäßig wurde die Regierung wiedergewählt; widerspruchslos nahm der Souverän ihre Beschlüsse hin, die Kommentare, die Debatten der Wortführer und Nachredner. Zu Unrecht hielten viele diesen Zustand des schlafenden Souveräns für den politischen Normalzustand. Ungestört richteten sich die Amtsinhaber in ihren Büros ein, die Verwalter verwalteten, die Steuereintreiber trieben Steuern ein, die Wortmelder meldeten sich täglich, ja stündlich zu Wort, alles ging seinen gewohnten Gang. Doch plötzlich erwachte der Souverän. Die Überraschung, der Unmut der Etablierten war erheblich. Zunächst hielt sich der Souverän noch zurück, begnügte sich mit einem Referendum, mit Plebisziten. Doch die Regierung verstand die Zeichen nicht, ja, sie bestritt dem Souverän das Recht, sich in Plebisziten selbst zu äußern und verbindliche Beschlüsse zu fällen. Die Repräsentanten dachten, nur Repräsentanten hätten etwas zu sagen. Da kam es zu Aufruhr. Unwillig schüttelte der Souverän sein Haupt und ballte die Fäuste. Amtsinhaber und Wortmelder mußten erkennen, daß die ruhigen Zeiten vorüber waren und sie um ihre Pfründe, ihren Einfluß, ihre Bedeutung zittern mußten. Nicht länger verhöhnten sie den Souverän wegen der vermeintlichen Torheit der Massen, sie kuschten nun vor seiner Macht, redeten ihm gar nach dem Munde. Doch der erwachte Souverän strich sie einfach ab und blies den Staub der angemaßten Regierungsmacht in alle Winde.

© W.Sofsky 2016

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