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Wolfgang Sofsky
Bilderverbot

In der Hinterlassenschaft des Grafen Detloff von Weisenfels fand sich auch eine Aufzeichnung über das religiöse Bilderverbot:

„Der Monotheismus will uns einreden, es gebe zuletzt nur einen einzigen Gott, männlich und allmächtig. Eifersüchtig wacht er darüber, daß keine weiteren Götter neben ihm sind. Ein solch hybrider Gott hält sich für einzigartig und verweigert den Gläubigen sein Antlitz. Niemand soll sich von ihm ein Bild machen, und wer es dennoch tut, wird geblendet oder getötet. Ist er menschenscheu, will er nicht erkannt werden oder schämt er sich für die Schöpfung, die er angerichtet hat? Fürchtet er gar, die Menschen würden sein Bildnis zerstören und ihn leibhaftig davonjagen? Das Bilderverbot ist ein simpler Trick, eine hin­terlistige Glaubensstütze. Wenn sich einer in Unsichtbarkeit vermummt und seinen Anblick verweigert, kann sein Gegenüber nicht prüfen, wie er aussieht, ob er überhaupt existiert oder ob er nur ein Fabelwesen der Ein­bildungskraft ist. Was man mangels Beweisen nicht darstellen kann, läßt sich trefflich als un­darstellbar ausgeben. Wen man sich wegen fehlender Indizien nicht vorzustellen vermag, von dem kann man leichthin behaupten, er sei so gewaltig, daß er unvorstellbar sei. Wer sich nicht in einem vergänglichen, vergilbten Bild zu zeigen wagt, von dem sagt der Apologet, er sei unendlich, unvergänglich und daher unter keinen Umständen bereit, sich von Angesicht zu offenbaren. Kurzum, das Bil­derverbot unterbindet jede Wahrheitsprüfung. Im Grund kann da jeder kommen und ausrichten lassen, er sei Gott, aber zu sehen sei er nicht. Dabei liegt die Schlußfolgerung auf der Hand: Was nicht zu sehen ist, das ist auch nicht. Es ist nichts als ein Hirngespinst. Ein Gott ohne Gesicht ist ein Gott ohne Eigenschaften. Nicht die Summe aller Attri­bute ist er, sondern eine Leerstelle ohne Qualität, ein Nichts. Nur deshalb kann irgendwann ein Vorbeter auftauchen und sich selbst als Gottes Ab­kömmling ausgeben. Endlich sollen die Halbgläubigen ein Gesicht zu sehen bekommen. Wenn sich der Gott nicht zeigt, schlägt die Stunde selbsternannter Gotteskünder. Hätte der alte Herr – oder ist es eine schwarze Zauberin? – jemals selbst die Weltbühne betreten, hätte es keines Sohnes oder Sprachrohrs bedurft. Keiner hätte es gewagt, sich als Messias oder Prophet aufzuspielen. Der Menschheit wäre dadurch vieles erspart ge­blieben. Wo viele Götter hausen, sind Sendboten, Missionare, Glaubens­wächter und Wortverdreher ganz und gar überflüssig.“

aus: W.Sofsky Weisenfels, Berlin 2014

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