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Wolfgang Sofsky
„Le penseur“ von Cernavoda

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1956 fand man in einer Nekropole im rumänischen Cernavoda zwei kleine, etwa zwölf Zentimeter hohe Terrakottafiguren. Sie stammen aus dem sechsten Jahrtausend a.Chr., aus der neolithischen Harmangia-Kultur. Die weibliche Statuette hat ihr linkes Bein ausgestreckt und beide Hände auf das rechte Knie gelegt. Sie scheint in die Ferne zu blicken. Die männliche Figur sitzt auf einer Art Hocker, hat den Kopf in beide Hände gestützt und sinniert vor sich hin. Man hat ihn wegen dieser Haltung den „Denker von Cernavoda“ tituliert. Er gilt als die erste Figur der Menschheit, welche einen inneren Zustand darzustellen scheint. Statt gedankenvoller Introspektion drückt die Geste jedoch vor allem Trauer, wenn nicht Verzweiflung aus. Die Geburt des Denkens aus dem Widerfahrnis des Verlusts, der Trauer, des Todes – das ist die frühe Weisheit dieses Idols aus der Grabstätte.

© W.Sofsky 2016

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