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Wolfgang Sofsky
Raffael: „Le Penseur“ von Ephesos

heraklit

Wie Heraklit aussah, weiß niemand. Als Raffael die Gemächer des Apostolischen Palastes ausmalte und in der „Schule von Athen“ die antiken Vordenker mit Diskursen und Erklärungen befaßt darstellte, verlieh er Heraklit die Züge des sinnenden Michelangelo. Abseits der disputierenden Philosophen sitzt Heraklit auf dem Boden, stützt den Kopf mit der Linken und schreibt mit der Rechten einen der dunklen Sentenzen nieder, für die er berühmt, berüchtigt und gefürchtet war. Heraklit, der Einzelgänger von Ephesos, hinterließ nur Fragmente, was Theophrast zu der Vermutung veranlaßte, daß er ein Melancholiker gewesen sei und Menschen dieses Gemütszustandes selten etwas vollenden würden, da ihnen im steten Gegrübel immer noch etwas einfiele. Womöglich hat die Erfahrung des inneren Dauerzweifels den Philosophen zu der Einsicht geleitet, daß die Ereignisse und Zustände der Welt ebenso unbeständig sind, ja, streng genommen nichts als fortwährende, unaufhaltsame Prozesse sind, wie die Gedanken, die sich im wachen Geist sofort verflüchtigen, wenn Widersprüche, Gegensichten auftauchen:

„Wir wollen uns nicht vorschnell über die wichtigsten Dinge schlüssig machen (47)
Der Weg auf und ab ist ein und derselbe (60)
Man soll sich auch an den Mann erinnern, der vergißt, wohin der Weg führt (71)
Ein hohler Mensch pflegt bei jedem Wort starr dazustehn (87)
Die Sibylle, die mit rasendem Mund Ungelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet, reicht mit ihrer Stimme durch tausend Jahre (92)
Die Seelen riechen im Hades (98)“

© W.Sofsky 2016

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