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Wolfgang Sofsky
„Der Dichter“ von der Vogelweide

walther_von_der_vogelweide

Der erste der drei politischen Reichssprüche, die Walther v.d.V. zwischen 1198 und 1201 verfaßte, die sogenannte „Reichsklage“, welche das Leben in unsicheren Zeiten darstellt, beginnt mit der Beschreibung jener Geste des aufgestützten Kopfes, die nicht nur den Körper im Vorgang des Denkens, sondern auch im Zustand der Schwermut, der Klage, der Trauer und Melancholie kennzeichnet. Das Bild in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), begonnen um 1300 in Zürich, zeigt diese Geste der Denker, Dichter, Propheten, Sibyllen, Götter, Teufel und Menschen, die sich in diesem Zwischenzustand befinden. Nicht zu übersehen ist jedoch, daß das Schwert des Ritters noch an den Felsen gelehnt ist.

Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben;
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sind êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot;
das dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider, desn mac niht sîn,
daz guot und weltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze:
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.

Ich saß auf einem Steine
und deckte Bein mit Beine.
Darauf der Ellbogen stand .
es schmiegte sich in meine Hand
das Kinn und eine Wange.
Da dachte ich sorglich lange,
dem Weltlauf nach und irdischem Heil,
doch wurde mir kein Rat zuteil:
wie man drei Ding erwürbe,
dass ihrer keins verdürbe.
Zwei Ding sind Ehr und zeitlich Gut,
das oft einander Schaden tut,
das Dritte Gottes Segen,
den beiden überlegen:
Die hätt ich gern in einem Schrein
doch mag es leider nimmer sein,
dass Gottes Gnade kehre
mit Reichtum und mit Ehre
zusammen ein ins gleiche Herz;
sie finden Hemmungen allerwärts:
Untreue liegt im Hinterhalt,
kein Weg ist sicher vor Gewalt,
so Fried als Recht sind todeswund,
und werden die nicht erst gesund, wird den drei Dingen kein Geleite kund.“

© W.Sofsky 2016

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