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Wolfgang Sofsky
Denklast

Woran kann man den Schmerz des Denkens erkennen? Wie alle inneren Vorgänge und Zustände ist das Denken nicht sichtbar. Man mag auf MRT-Bildern sehen, daß manche Gehirnareale gerade aktiv sind, aber erkennt man daran einen Gedanken? Über die Jahrtausende behalf sich die Menschheit mit dem Reden. Man glaubte, daß das, was einer denke, dasselbe sei wie das, was er sage. Viele Menschen glaubten, indem sie miteinander sprächen, tauschten sie ihre Gedanken aus, ja, sie kämen durch solches Reden sogar auf neue Gedanken. Ohnehin sei das Denken nichts anderes als eine Art inneres Reden. Was man mit anderen tue, das tue man auch in sich selbst. Und daher, so die beliebte Verwechslung von Genese und Struktur, müsse der Mensch erst mit anderen reden, um mit sich selbst denken zu können.

Manche Denker kamen auf die Idee, jeder Satz enthalte, sofern er überhaupt etwas enthalte, einen Gedanken. Sätze ohne Gedanken seien undenkbar. Andere Denker vertraten wortreich die Idee, Gedanken hätte man überhaupt nur, sofern man auch Sätze zu bilden verstehe. Die Logik der Sprache sei dasselbe wie die Logik des Denkens, der Vernunft. Kein Geist ohne Sprache, ohne „Kommunikation“ war der Hauptgedanke, der solange wiederholt wurde, bis sich der Gedanke im Gerede verflüchtigt hatte.

Wieder andere Denker wiesen auf einige Ungereimtheiten hin. Es gebe erstens Menschen, die mit sich alleine denken, ohne mit anderen zu reden. Auch der Stumme, der nie einen Satz sage, sei offenbar des Denkens fähig. Ein Satzaustausch seit mitnichten ein Gedankenaustausch, da die allermeisten Sätze überhaupt keinen Gedanken enthalten. Ohnehin werde die Bedeutung der Sprache maßlos überschätzt. Die meisten Menschen denken – Gottseidank –,  ohne etwas zu sagen. Es entstünde ein akustisches Chaos, wenn jeder, der gerade einen Gedanken hätte, diesen auch sagen würde. Ohnehin seien Menschen stets imstande, etwas anderes zu sagen als sie denken, so daß man also vermittels wohlgesagter Sätze gar nicht wissen könne, was einer denke, ja, ob er sich beim Reden überhaupt etwas gedacht habe.

Da die Sprache Schmerz und Geheimnis des Denkens nicht zu entschlüsseln vermochte, kamen andere Menschen, die es weniger mit dem Ohr als mit dem Auge hielten, frühzeitig auf den Gedanken, nicht Sätze oder Laute, sondern Gesten und Bilder vermöchten Gedanken zu zeigen. Ob einer denke, zeige sich in seinem Gesicht, in der Mimik, im unwillkürlichen Ausdruck oder aber in den Bewegungen und Haltungen des Körpers, in den Gesten. Zwar könne man denken im Gehen oder Stehen, im Sitzen oder Liegen, doch wahrhaft tiefe Gedanken, die aus den Untiefen der Seele aufstiegen oder dahin hinabführten, solche Gedanken, welche Geist und Gemüt beschwerten, ließen sich an jener Haltung ablesen, die seit Jahrtausenden und auf allen Kontinenten unter Menschen üblich sei. Der schwere Kopf bedürfe der Stütze, er lege sich in die Hand, die wiederum, derart belastet, einer Stütze bedürfe, so daß sich der durch Schmerz und Tiefsinn beschwerte Arm auf dem Knie, einer Lehne oder Tischplatte abstützen müsse. Tiefe Gedanken über die Welt, die Geister und Götter, tiefe Gedanken auch, an denen sich allerhand mißliche Gefühle anzuheften pflegen, benötigten einer physischen Stütze. Neben tiefen Denkern wie Saturn oder Satan, Jeremias oder Hiob, Robert Burton oder Dr. Gachet, benötige sogar Acedia, jene verfemte Trägheit, die keinen Gedanken mehr zulasse, der körperlichen Unterstützung. Und gar Melancholia, die große Trauer und Verzweiflung, die oft nur einen einzigen Gedanken, eine fixe Idee kenne, diese Kopfhängerei kreise stets in sich selbst und könne nicht mehr aus sich  heraus. Sie drücke den Kopf so steinschwer hinab, daß er von der Hand oder geballten Faust gestützt werden müsse.

Die Geste des aufgestützten Kopfes, der schützenden Hand an Wange oder Kinn, bezeugt mithin, daß es dem Menschen gleichermaßen beschwerlich zu sein scheint, tiefe Gedanken, einen einzigen oder gar keinen Gedanken zu haben. Jeder dieser inneren Zustände ist gleichermaßen Mühe, Schmerz und Last.

© W.Sofsky 2016

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