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Wolfgang Sofsky
Aristoteles: Theoria

aristoteles

Was Aristoteles genau unter „Theoria“ verstand, ist unter Interpreten der Nikomachischen Ethik 10,7-8 keineswegs unumstritten. Womöglich meinte er eine Lebensform tätigen Schauens und Nachdenkens, welche die Sachverhalte in Ruhe betrachtet, aufgrund zuhandenen Wissens versteht und hin und wieder zu einer bleibenden, gültigen, „höheren“ Einsicht gelangt, die man vorher nicht hatte. Emsiges Studieren ist damit ebenso wenig gemeint wie der Test von Hypothesen, die endlose Lektüre mittelmäßigen Schrifttums oder die meditative Phantasie, welche hinab in imaginäre Welten führt. Wie  moralisch oder amoralisch diese Lebensform ist, ist unter den Schriftgelehrten gleichfalls umstritten. Verrufen ist die Theoria indes unter allen Aktivisten, die das Handeln, Lernen, Arbeiten, Reden, Entscheiden in den Mittelpunkt des Lebens gerückt haben. Theoria ist einzig auf Wahrheit aus und hat keinen Zweck. Sie ist für nichts da, sie genügt sich selbst. Weisheit ist ein Zustand des Glücks, und wer in die Nähe dieses Zustands gelangt, der gelangt in die Nähe des Olymp.

„Daß aber das vollkommene Glück ein Leben der aktiven geistigen Schau ist, wird auch von folgender Überlegung her deutlich: wir stellen uns vor, daß die Götter im höchsten Sinne selig und glücklich sind. Nun, welche Art von Handlungen haben wir ihnen beizulegen? Etwa Akte der Gerechtigkeit? Wird es nicht ein lächerliches Bild ergeben: die Götter bei Handelsgeschäften, bei der Rückgabe von hinterlegtem Gut und so weiter? Oder Akte der Tapferkeit, Aushalten in Gefahr und Wagnis um des Ruhmes willen? Oder Akte der Großzügigkeit? Wem sollten sie denn etwas schenken? Ein unmöglicher Gedanke, daß die Götter Geld oder dergleichen in Händen haben. Und wie sollten wir uns bei ihnen Akte der Besonnenheit vorstellen? Wäre es nicht geschmacklos sie zu preisen, wo sie doch keine schlechten Begierden haben? Und wenn wir alles der Reihe nach durchehen, so zeigt sich, daß Detail-Vorstellungen von einem Handeln der Götter kleinlich und ihrer unwürdig sind. Und doch ist es eine allgemeine Annahme, daß die Götter leben und folglich auch, daß sie wirken. Denn man kann sich nicht denken, daß sie schlafen wie Endymion. Wenn man nun aber einem lebenden Wesen das Handeln und mehr noch das Hervorbringen nimmt, was bleibt dann anderes übrig als die reine Schau? So muß denn das Wirken der Gottheit, ausgezeichnet durch höchste Seligkeit, ein reines Schauen sein. Und folglich hat jenes menschliche Tun, das dem Wirken der Gottheit am nächsten kommt, am meisten vom Wesen des Glücks in sich.“

Nur in Paranthese sei vermerkt, daß die olympischen Götter, anders als die Eingötter aus der orientalischen Wüste, die soviel Unheil angerichtet haben, nicht im Traume daran denken, sich in irdische Angelegenheiten einzumischen. Solche Niederungen sind ihnen aus gutem Grunde fremd. Sie sind glücklich, weil sie sich mit Theoria begnügen. Und sie sind selig, weil sie keine Menschen sind, weil sie nicht arbeiten, nicht kämpfen, nicht handeln. Daß antike Schriften häufig von den Erdenbesuchen einzelner Götter erzählen, ist eben nichts als Mythos und Literatur, nichts sonst. Doch lügen die Dichter vieles. Aber es ist keine Literatur, den Zustand der Theoria und Eudaimonia in eine Welt jenseits profaner Tugenden wie Gerechtigkeit, Tapferkeit oder Großzügigkeit zu rücken.

© W.Sofsky 2016

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