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Wolfgang Sofsky
Theoria

Daß die Theoria, jene schauende Beschäftigung, die, angereichert mit der einen oder anderen Spekulation, recht betrieben, es den olympischen Göttern gleichzutun versucht, ist gewiß eine hybride Idee, eine Anmaßung. Doch diese Idee ist etwas ganz anderes als jene der christlichen Kontemplation, die meint, mit den Göttern selbst ins Gespräch oder zumindest in Kontakt zu kommen. Man muß seine Götter schon recht erniedrigt haben, um zu glauben, mit ihnen reden oder ihnen gefallen zu können. Und daß sie gar selbst in Erscheinung treten, wenn man sich aller anderen, zumal gottfernen und sündigen Gedanken entledigt hat, das kann nur glauben, wer das Denken zugunsten einer einzigen fixen Idee verabschiedet hat, daß nämlich die Götter entweder schon irgendwie in einem selbst wohnen oder zumindest die Neigung haben, in einem Wohnung zu nehmen. Warum sollten sie sich solcher Torheit überlassen?

Theoria dagegen ist eine ganz und gar areligiöse Aktivität. Sie zielt nicht auf vermeintliche Offenbarung, sondern auf die Einsicht in das Wesen der Dinge, in die Universalien oder auch Invarianten der Welt. Solche Einsicht stellt sich, so die Idee dieser methodischen Lebensführung, ein, wenn man sich den Sachen selbst widmet und wenn sich inmitten der Phänomene, der Erscheinungen, der vielen Variationen entweder nach und nach oder aber plötzlich, in einem Augenblick, die Strukturen abzeichnen.

© W.Sofsky 2016

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