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Wolfgang Sofsky
Dürer: Melancholia

melencolia

Über Dürers berühmten Kupferstich  „Melencolia I“ bemerkte Robert Burton (Anatomy of Melancholy, 1621): „Albrecht Dürer paints melancholy like a sad woman leaning on her arm with fixed looks, neglected habit, &c., held therefore by some proud, soft, sottish, or half-mad, …: and yet of a deep reach, excellent apprehension, judicious, wise and witty“. Gar Gegensätzliches fasse das Bildnis des bekümmerten Engels zusammen: Weisheit, Besonnenheit, Verwirrung, Trauer, Stolz und eine gewisse Verwahrlosung seiner selbst. Zahllose Zeichen erkennt der aufmerksame Betrachter: Zirkel, Tintenfaß, ein Rhomboeder, ein Hund, ein Putto, die Fledermaus, das Banner tragend, Meer, Himmel und Komet,  eine Geldbörse, ein Schlüsselbund, Nägel, eine Sanduhr und vieles mehr.  Betreibt die Schwermut Geometrie oder Astronomie, Erdenkunde oder Weltkunde? Ist das Bild ein Trostbild, ein Warnbild oder ein Selbstbild des Künstlers? Den ikonologischen Deutungen, die sich bei Warburg, Panofsky, Saxl und anderen nachlesen lassen, sei hier nichts hinzugefügt. Aber der schwere Engel mit dem verschattet dunklen Antlitz stützt sein Haupt auf die geballte Faust und starrt unverwandt in die Welt, ohne daß sich die auseinanderstrebenden Sehachsen an ein Ereignis oder ein Objekt heften würden. Das Weiß der Augäpfel tritt deutlich aus dem schwärzlichen Gesicht hervor. Der Engel ist nicht träge, sinniert nicht in sich hinein, er schaut ins Leere. Nicht im Zustand der Ermattung oder des Halbschlafs ist er. Das Tun ist ihm sinnlos geworden. „Überwach“ kann man den Ausdruck seiner Miene schwerlich nennen. Melancholia ist keine nervöse Erschöpfung. Die Faust konzentriert alle Handlungskraft, der leuchtende Blick vereint alle Seh- und Sinneskraft. Doch zielt sie nur mehr ins Nichts. Durch unaufhörliches Denken, Sehen und Forschen ist der Engel in Erstarrung geraten, in lähmende Kristallisation.

© W.Sofsky 2016

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