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Wolfgang Sofsky
Freud: Religion – Wunsch und Illusion

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In seiner religionskritischen Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ von 1927 verweist Sigmund Freud nicht nur auf die kindliche Hilflosigkeit, die Menschen glaubensanfällig macht. Unbedingt und untilgbar ist auch die blinde Sehnsucht  nach Schutz und inniger Geborgenheit. Religionen, gleich welcher Art, gründen nicht auf Erfahrung oder Nachdenken, „es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche.“ Seinem Status und Range nach haben diese Vorstellungen eine gewisse Ähnlichkeit mit Wahnideen. Je ferner die Erfüllung des Wunschs, desto beharrlicher wird an die Illusion geglaubt. Je dürftiger die Gründe, desto stärker der Dogmatismus und der Ritualismus in trauter Gemeinschaft. Je weniger Antworten von höherer Stelle, desto häufiger und nachdrücklicher das Gebet. Je fadenscheiniger die Illusion, desto brachialer die Wut auf alle, welche die Illusion als das entlarven, was sie ist, als Illusion eben. Was aber ist eine Illusion? Von Irrtümern und Täuschungen ist sie sehr wohl zu unterscheiden.

„Eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nicht notwendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, daß sich Ungeziefer aus Unrat entwickle, an der das unwissende Volk noch heute festhält, war ein Irrtum, ebenso die einer früheren ärztlichen Generation, daß die Tabes dorsalis (Rückenmarkschwindsucht, WS) die Folge von sexueller Ausschweifung sei. Es wäre mißbräuchlich, diese Irrtümer Illusionen zu heißen. Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, daß er einen neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der Anteil seines Wunsches an diesem Irrtum ist sehr deutlich. Als Illusion kann man die Behauptung gewisser Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die einzige kulturfähige Menschenrasse, oder den Glauben, den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei ein Wesen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt charakteristisch die Ableitung aus menschlichen Wünschen, sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee, aber sie scheidet sich, abgesehen von dem komplizierteren Aufbau der Wahnidee, auch von dieser. An der Wahnidee heben wir als wesentlich den Widerspruch gegen die Wirklichkeit hervor, die Illusion muß nicht notwendig falsch, d. h. unrealisierbar oder im Widerspruch mit der Realität sein. Ein Bürgermädchen kann sich z. B. die Illusion machen, daß ein Prinz kommen wird, um sie heimzuholen. Es ist rnöglich, einige Fälle dieser Art haben sich ereignet. Daß der Messias kommen und ein goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger wahrscheinlich; je nach der persönlichen Einstellung des Urteilenden wird er diesen Glauben als Illusion oder als Analogie einer Wahnidee klassifizieren. Beispiele von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind sonst nicht leicht aufzufinden. Aber die Illusion der Alchemisten, alle Metalle in Gold verwandeln zu können, könnte eine solche sein. Der Wunsch, sehr viel Gold, soviel Gold als möglich zu haben, ist durch unsere heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums sehr gedämpft, doch hält die Chemie eine Umwandlung der Metalle in Gold nicht mehr für unmöglich. Wir heißen also einen Glauben eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt, und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen verzichtet.“

© W.Sofsky 2016

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