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Wolfgang Sofsky
Lukian: Die Panik der Götter

lucianus

Was würde mit den hohen Göttern auf dem Olymp geschehen, wenn keiner mehr an sie glauben würde? Was würde mit Allah, Jahwe, Gottvater, Mutter, Sohn und  Geist auf diesem oder jenem Wüstenberge geschehen, wenn niemand an ihre Existenz glauben, keine Worte oder Gaben mehr an sie richten würde, diese Frage stellte sich dereinst Jupiter, als er eine große Menge Volks zusammenstehen sah, die dem Streit zweier Philosophen lauschten. So erschrocken war Jupiter über die Aussicht, nur mehr von Ungläubigen umringt zu sein, daß er eilends alle Götter zusammenrief, um zu beraten, was man noch tun könne. Lukian, der Vorspötter aller Nichtgläubigen, hat im „Tragischen Jupiter“ die Panik der Götter angesichts gottloser Zeiten hellsichtig beschrieben.

„Unter solchen Gedanken“, berichtet Jupiter seinen Göttern, „war ich bis vor die Bilderhalle gekommen, als ich hier eine große Menge Volks beisammen sah, wovon einige in der Halle selbst, die meisten unter freiem Himmel standen; auch hörte ich, wie ein Paar Männer, die auf erhöhten Plätzen sehr laut sprachen und sich gewaltig ereiferten. Ich vermuthete sogleich sehr richtig, daß es Philosophen von der Gattung der Zänker seyn würden, und bekam Lust, näher hinzuzutreten und zu hören, wovon die Rede wäre. Da ich eine Wolke von der dichten Sorte angenommen hatte, so konnte ich mich ungesehen in die Gestalt dieser Leute verwandeln, und mittelst eines langen Bocksbartes mir das Ansehen von einem vollkommenen Philosophen geben. Nun machte ich mir mit den Ellbogen Platz durch die Menge, und trat ein, ohne daß man wußte, wer ich war. Dort fand ich den verwünschten Schurken, den Epikuräer Damis, der in einem heftigen Streit mit dem Stoiker Timokles, einem sehr braven Mann, begriffen war. Timokles schwitzte über und über, und hatte sich schon fast die Lunge aus dem Leibe geschrieen. Damis aber, mit einem teuflischen Lächeln, hetzte den guten Timokles nur noch mehr.

Der Gegenstand ihres ganzen Streites waren wir. Der verfluchte Damis behauptete nämlich, wir übten keine Vorsehung über die Menschen aus, und kümmerten uns gar nicht um das, was auf Erden vorginge; ja seine Behauptungen liefen deutlich genug darauf hinaus, daß wir überall gar nicht existierten. Und es waren Leute genug da, die ihm sogar noch Beifall gaben. Timokles, der unsere Sache verfocht, that, was in seinen Kräften stand, gerieth in einen schrecklichen Eifer, und stritt mit allen Waffen für uns, indem er unsere Fürsorge für die Welt rühmte, und ausführlich zeigte, wie wir alles im schönsten Zusammenhang und in der vollkommensten Ordnung einrichteten und regierten. Auch er hatte mehrere auf seiner Seite, die ihm beistimmten. Allein der wackere Mann war bereits ganz erschöpft, und konnte kein lautes Wort mehr hervorbringen, so daß die Menge schon anfing, nur dem Damis zuzuhören. Ich, der die Größe der Gefahr erkannte, befahl der Nacht, sich über die Versammlung zu lagern und sie auseinander gehen zu machen. Sie gingen also, nachdem sie eins geworden waren, am folgenden Tage die Untersuchung zu beendigen. Ich schloß mich der Menge an, und hörte, wie sie im Nachhausegehen unter einander Vieles zum Lobe des Damis sprachen, und wie wirklich bei weitem die Mehrzahl geneigt war, seine Ansichten zu theilen. Freilich gab es auch einige, die nicht so voreilig die andere Partei verurtheilen, sondern abwarten wollten, was Timokles am folgenden Tage vorbringen würde.

Dies ist es also, weswegen ich Euch zusammen berufen habe, gewiß eine Sache von nicht geringer Bedeutung, wenn ihr bedenkt, daß all’ unsere Ehre, unser Ansehen und unser Einkommen allein auf den Menschen beruht. Wenn diese sich den Glauben beibringen lassen, entweder daß es überhaupt keine Götter gebe, oder wenigstens, daß es mit unsrer Fürsorge und Regierung Nichts sey, so wird es auch mit den Opfern, Geschenken und Ehrenbezeugungen auf der Erde ein Ende haben; und wir sitzen am Ende müßig und hungrig auf unsrem Olymp, weil es keine Feste, keine Spiele, keine Opfer, keine Nachtfeiern und Prozessionen mehr gibt. Bei dieser so großen Wichtigkeit der Sache also habt Ihr Alle gemeinschaftlich auf ein Mittel zu denken, wie Timokles den Streit gewinnen und seine Meinung als die wahre erscheinen, Damis hingegen bei allen Zuhörern zum Gelächter werden möchte. Denn ich gestehe, ich traue es diesem Timokles doch nicht zu, daß er für sich allein den Sieg davon tragen werde, wenn ihm nicht von unsrer Seite einiger Beistand geleistet wird.“

Kurzum: die Götter finden die Gründe, die für ihre Existenz sprechen, derart dürftig, daß sie ihrem Anwalt und Fürsprecher Timokles keinen Sieg im rationalen Diskurs zutrauen, weswegen sie in ihrer Panik erwägen, zu anderen, nichtdiskursiven Mitteln zu greifen.

© W.Sofsky 2016

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