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Wolfgang Sofsky
Michelangelo: Il Pensieroso

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Die Figur des Lorenzo de’ Medici, Herzog von Urbino und Enkel von Lorenzo, il Magnifico, wird häufig als Verkörperung der Vita contemplativa betrachtet, obwohl es keinen Beweis gibt, daß Michelangelo das idealisierte Portrait so gemeint hätte. Mit dem realen Lorenzo hat die Figur wenig gemein. Jener befehligte eine Zeitlang die päpstliche Armee, ihm widmete Machiavelli den „Principe“. Nun sitzt er da, in der Grabeskapelle der Medici, in der Uniform römischer Legionäre, auf dem Kopf ein Raubtierhelm. Der rechte Arm dreht sich nach außen und ist auf den Oberschenkel abgelegt. Die linke Hand umschließt ein Tuch, zwischen Daumen und Zeigefinger stützt sich das Kinn ab. Der Ellbogen ruht auf einer Geldkassette, die von der grimmigen Maske einer Fledermaus bewacht wird. Die Beine sind angezogen und über kreuz, so daß sich die Figur unmöglich erheben könnte, ohne zuvor die Stellung der geharnischten Beine zu verändern. Lorenzo ist fern jeder Handlung, jeder Tat. Auf dem Sarkophag ruhen Aurora und die Abendröte, die Allegorien der Dämmerung, des Übergangs von Tag und Nacht. Lorenzo, dessen Gesicht durch den Helm verschattet ist, blickt – die Pupillen fehlen – hinüber zur Madonna und den Heiligen. Die Schultern sind etwas zurückgenommen. Er hält auf Abstand zur Gegenwart in der Gegenwart. Aber er träumt nicht, dämmert nicht vor sich hin und ist auch nicht in sich selbst versunken. Er denkt nach.

© W.Sofsky 2016

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