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Wolfgang Sofsky
Überlegen

Herr Rudolf denkt über seinen nächsten Urlaub nach: Soll er nach Kreta oder nach Zypern fliegen? Was heißt, über etwas nachzudenken? Steht derjenige, der über etwas nachdenkt, über seinen Gedanken oder über der Sache, über die er nachdenkt? Zweifellos ist dies nicht der Fall. Wer über etwas nachdenkt, befindet sich nicht auf einer höheren Warte, weder gegenüber seinen Gründen noch gegenüber sich selbst. Manchmal heißt „über etwas nachdenken“ dasselbe wie „überlegen“. Man ist noch mit Denken beschäftigt, aber noch zu keinem Ergebnis gelangt. Der Ausdruck besagt, daß man noch unsicher, unentschieden, unentschlossen ist. Ob man bald zu einem Resultat, einem Entschluß kommen wird, ist damit nicht gesagt. Genau genommen besagt diese Redeweise, daß man, wenn man über etwas nachdenkt, gerade nicht über der Sache steht. Wer überlegt, ist nicht überlegen, im Gegenteil. Ohnehin sollte man sich vor räumlichen Lokalisationen des Denkens hüten. Sowenig Gedanken im Kopf sind, sowenig befinden sich die Gedanken über den fraglichen Sachverhalten.

Bedeutet „überlegen“ etwas anderes als „denken“? Auf die Frage, worüber er nachdenke, sagt Herr Rudolf, er denke an an seinen Urlaub, sei aber noch nicht schlüssig, ob er nach Kreta oder Zypern fliegen solle. Die Unentschiedenheit kann man auch so ausdrücken: A überlegt, ob p oder q. Er denkt über Möglichkeiten nach: ob ein Gedanke stimmt oder nicht, ob eine Behauptung zutrifft oder nicht, ob er dies oder jenes tun soll. Es scheint, als sei ein Schlüssel für das Verständnis des Überlegens die Annahme von Alternativen. Würde Herr Rudolf nicht glauben, es gäbe Möglichkeiten, bräuchte er nicht nachzudenken. Anders gesagt: Manchmal ist die Hoffnung, etwas könnte anders sein, nicht nur Anlaß, sondern auch Antrieb des Denkens über p, q etc.

© W.Sofsky 2016

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