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Wolfgang Sofsky
Thomas Hobbes: „Denken ist Rechnen“

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Im fünften Kapitel des „Leviathan“ gibt Thomas Hobbes eine unromantische Charakteristik dessen, was das Denken sei. Die Vernunft operiert wie ein Zählwerk, sie addiert, subtrahiert, multipliziert und dividiert Eigenschaften, Behauptungen, Ideen. Denken sei eine Art Rechnen, wobei Menschen  allerhand Fehler machen können – wie Grundschüler in der Arithmetik:

„Denken heißt nichts anderes als sich eine Gesamtsumme durch Addition von Teilen oder einen Rest durch Subtraktion einer Summe von einer anderen vorstellen. Geschieht dies durch Wörter, so ist es ein Vorstellen dessen, was sich aus den Namen aller Teile für den Namen des Ganzen, oder aus den Namen des Ganzen und eines Teiles für den Namen des anderen Teiles ergibt. Und obwohl man in manchen Fällen, wie bei den Zahlen, andere Rechnungsarten als Addieren und Subtrahieren nennt, wie Multiplizieren und Dividieren, so handelt es sich dabei doch um dasselbe, denn Multiplizieren ist nur ein Zusammenzählen von gleichen Dingen und Dividieren ein Abziehen eines Dings sooft wie möglich. Diese Rechnungsarten sind nicht nur Zahlen eigen, sondern allen Arten von Dingen, die zusammengezählt oder auseinander entnommen werden können. Denn wie die Arithmetiker lehren, mit Zahlen zu addieren und zu subtrahieren, so lehren dies die Geometriker mit Linien, festen und künstlichen Figuren, Winkeln, Proportionen, Zeiten, Graden von Geschwindigkeit, Kraft, Stärke und Ähnlichem. Dasselbe lehren die Logiker mit Folgen aus Wörtern, indem sie zwei Namen zusammenzählen, um eine Behauptung aufzustellen, zwei Behauptungen, um einen Syllogismus zu bilden, viele Syllogismen, um einen Beweis zu führen, und von der Summe oder der Schlußfolgerung aus einem Syllogismus ziehen sie eine Aussage ab, um die andere zu finden. Schriftsteller, die über Politik schreiben, addieren Verträge, um die Pflichten der Menschen zu finden, und Richter Gesetze und Tatsachen, um herauszufinden, was bei Handlungen von Privatleuten recht und unrecht ist. Kurz: Wo Addition und Subtraktion am Platze sind, da ist auch Vernunft am Platze, und wo sie nicht am Platze sind, hat Vernunft überhaupt nichts zu suchen.

Auf Grund von allem, was bisher gesagt wurde, können wir definieren, das heißt bestimmen, was mit dem Wort Vernunft gemeint ist, wenn wir sie zu den Fähigkeiten des Geistes rechnen. Denn Vernunft in diesem Sinne ist nichts anderes als Rechnen, das heißt Addieren und Subtrahieren, mit den Folgen aus den allgemeinen Namen, auf die man sich zum Kennzeichnen und Anzeigen unserer Gedanken geeinigt hat. Ich sage Kennzeichnen, wenn wir bei uns selbst rechnen und Anzeigen, wenn wir unsere eigenen Berechnungen anderen beweisen oder darlegen wollen.“

Diese Explikation dessen, was man mit „Denken“ meinen kann, ist keineswegs so abwegig, wie sie sich auf den ersten Blick ausnimmt. Nicht umsonst hat man Hobbes als Vordenker der Künstlichen Intelligenz gehandelt. Denken ist zuerst und im wesentlichen Hinzufügen und Wegnehmen, Unterscheiden und Verbinden. Das Prinzip, so Hobbes, ist stets dasselbe, ob es sich um eine Prädikation, also das Zusprechen oder Absprechen von Eigenschaften, die Klassifizierung von Objekten, die Verknüpfung von Behauptungen, die Addition bzw. Subtraktion von Ideen, die Assoziation von Vorstellungen, Bildern oder Symbolen handelt. Wenn wir sagen, x habe die Eigenschaft F, dann „zählen“ wir x zur Klasse der Objekte hinzu, welche die Eigenschaft F haben. Schon bei der Wahrnehmung von Einzeldingen gelangt dieses Verfahren zur Anwendung. In der Ferne erscheint eine Gestalt und wird nach und nach immer deutlicher. Zunächst sehen wir sie nur schemenhaft und fragen uns, was dies wohl sei. Dann sehen wir immer genauer, daß daß es ein Körper in Bewegung ist, also kein statisches Objekt. Es bewegt sich auf zwei Beinen. Dann erkennen wir eine ungefiederte Figur, sehen Armbewegungen, hören eine Stimme, vernehmen Worte und gelangen so zu der Einsicht, daß es kein Fels, kein Tier, sondern ein ungefiederter Zweibeiner ist, welcher der menschlichen Sprache mächtig ist. Worüber immer gedacht wird, das Denken, welches hier die Wahrnehmung begleitet, operiert stets mit Unterscheidungen, mit dem Hinzufügen und Streichen von Eigenschaften.

© W.Sofsky 2016

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