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Wolfgang Sofsky
Gedankenblitz

Über dem Türsturz von Heideggers Hütte im schwarzwäldischen Todtnauberg war in griechischen Lettern ein Spruch Heraklits geritzt: „Alles lenkt der Blitz“. Nicht das ewige Feuer, der Blitz erhellt plötzlich Geist und Welt. Unversehens schlägt er ein, taucht für einen Moment das Dunkel rundum in fahlsilbriges Licht, bevor alles wieder in Finsternis versinkt. Der Spruch ist wie ein Orakel. Sichtbar wird der Sinn mit einem Schlag, doch sofort vergeht er wieder. Der Gedankenblitz fährt hernieder, er widerfährt dem Denkenden. Das Denken mag – auch bei künstlicher Beleuchtung im Halbdunkel des Alltags – gemächlich vor sich gehen, als mühsame Arbeit der Erkenntnis. Doch die Einsicht geschieht blitzartig. Bedeutsame Gedanken schlagen ein, verbrennen den Wirrwarr dürrer Halbgedanken, Vermutungen, Dogmen ringsum. Und diese Erleuchtung lenkt das weitere Denken, obwohl sie sofort wieder vergessen wird. Unversehens wird ein neuer Ausweg sichtbar. Gedankenblitze obliegen nicht der Souveränität des denkenden „Subjekts“. Sie ereilen einen und sind sogleich wieder vergangen. Es ist, als würde nicht das Denken den Gedanken hervorbringen, vielmehr scheint „es zu denken“, und das Denken registriert nur, welch lichte Gedanken sich einstellen.

© W.Sofsky 2016

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