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Zoe Merck
Platon: Theoria als Lebensform

plato

Die entsprechende Stelle zu Lenskis Bemerkungen findet sich in Platons Timaios (90b-d):

„Wer nun also in seinen Begierden und ehrgeizigen Bestrebungen lebt und webt, auf sie seine Bemühungen richtet, in dem müssen sich notwendig nur sterbliche Meinungen erzeugen, und er muß durchaus, soweit es überhaupt möglich ist, sterblich zu werden, darin es an nichts fehlen lassen, weil er Derartiges in sich wuchern läßt. Wer dagegen, auf Erweiterung seiner Kenntnisse und Erlangung wahrer Einsichten ernstlich bedacht, diesen Teil seiner selbst vorzüglich übt, von dem ist es, wenn er die Wahrheit berührt, durchaus notwendig, daß er Göttliches und Unsterbliches denkt, und soweit die menschliche Natur es gestattet, der Unsterblichkeit teilhaftig zu werden, daß er davon keinen Teil versäumt; und da er ständig das Göttliche in sich pflegt und den ihm innewohnenden Schutzgeist im besten Zustande erhält, so muß er notwendig vor allen andern glückselig sein. Aber für jegliches gibt es gewiß nur eine und dieselbe Pflege, ihm die demselben angemessene Nahrung und Bewegung zuzuerteilen. Nun sind die dem Göttlichen in uns verwandten Bewegungen die Gedanken und Umschwünge des Weltganzen; diese muß demnach jeder zum Vorbilde nehmen, indem er die bei unserm Eintritt in das Leben irregeleiteten Umläufe in unserem Kopfe dadurch auf die richtigen zurückführt, daß er den Einklang und die Umläufe des Weltganzen erkennen lernt, und muß so dem Erkannten das Erkennende seiner ursprünglichen Natur gemäß ähnlich machen, durch diese Verähnlichung aber das Ziel jenes Lebens besitzen,welches den Menschen von den Göttern als bestes für die gegenwärtige und die künftige Zeit ausgesetzt wurde.“

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Ehrgeiz verschafft nur flüchtigen Ruhm, denn er verhilft nur zu vergänglichen, kurzsichtigen Einsichten. Sterblichkeit bzw. Unsterblichkeit ist mithin nicht nur von der Art der Gedanken abhängig, sondern auch von der „Einstellung des Lebens“. Der Lohn für Theoria ist sogar Glückseligkeit, sofern die „irregeleiteten Umläufe in unserem Kopfe“ korrigiert, revidiert und auf die richtigen Gedankenwege und -gänge geführt werden: Theoria ermöglicht Gedankenkorrekturen, sie schließt nämlich eine distanzierte Betrachtung seiner selbst ein, bis der Einklang von Selbst und Welt, bis die Harmonie der Welt- und Denkläufe erschaut ist.

(aus einem Brief von Zoe Merck, Wolfenbüttel. ZM ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

© ZM,WS 2016

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