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Romuald Lenski
Theoria und Unsterblichkeit – eine Anmerkung

Lenski

Der Vorrang des Betrachtens und Denkens vor dem Handeln, zumal vor allen Formen der Arbeit, hat seinen wichtigsten Grund in der Hoffnung auf Unsterblichkeit, zumindest bei den frühen Griechen. Menschen und Götter gleichen einander, obwohl die Götter unsterblich sind. Die Leidenschaft für das Sehen ist ihnen gemeinsam. Vom Olymp herab genießen die Götter das Spektakel der Dinge und Handlungen. Sie denken nicht daran, irgendwelche Welten zu schaffen, Gesetze zu erlassen, Sozietäten zu gründen oder Politik zu treiben, also andere Personen zu regieren. Die Götter schauen nur zu. Sie wurden einst geboren, aber sie sterben nie. In diesem Bewußtsein lassen sie die zahllosen Aufführungen an sich vorüberziehen. Was immer geschieht, ob Gutes oder Böses, ob Schönes oder Häßliches, es ist nur Spektakel. Was ist, ist zum Betrachten da. Dies ist, zugegeben, ein recht komfortable, distanzierte, gelassene, desinteressierte Haltung zur Welt.

An diesem göttlichen Privileg können Menschen teilhaben, indem sie die Anfechtungen und Erfordernisse des Tages einklammern und sich in die Haltung des Schauens versetzen. Nicht der Ruhm, den der Sänger verkündet, verschafft Unsterblichkeit. Lob aus des Sängers Mund sorgt nur für einen Platz im sozialen Gedächtnis. Eine Zeitlang werden die Taten weitererzählt. Doch irgendwann sind auch Achilleus, Odysseus, Solon oder Perikles vergessen. Ruhm vergeht. Wahre „Unsterblichkeit“ vespricht indes die theoretische Einstellung. Der Weise lebt in der Nachbarschaft der Götter. Sein Denken und Wissen befaßt sich mit dem Unvergänglichen, mit dem, das nicht anders sein kann, als es ist, mit dem also, das nicht nicht sein kann. Gedanken über das Unsterbliche verschafft dem Denken Unsterblichkeit. Diese ewigen Gegenstände sind die Ordnung des Kosmos, der Natur, der Gesellschaft, nicht zuletzt die Gesetze der Geschichte. Das ist eine wahrlich kühne Idee. Des Denkens wert und würdig ist nicht das, was sich ändert, sondern das, was in der Veränderung gleich bleibt. Auch wiederkehrende Gesetze des Wandels können invariant sein. Worauf es hier zunächst ankommt, ist folgende Vorstellung: Gedanken über Unvergängliches verleihen dem Denken Unsterblichkeit. Und daran partizipiert auch der Denker. Oder weniger prätentiös: Die theoretische Einstellung verspricht die Erkenntnis zeitlos gültiger Wahrheit. Wer diese in Worte faßt, äußert Aussagen, die unabhängig von Zeitpunkt und Ort der Äußerung gelten. Und wer für derlei Aussagen und Theorien bekannt wird, dem ist ewiger Ruhm gewiß. Deshalb heißt es: „Man soll entweder die Weisheit lieben oder sich sogleich verabschieden.“

(aus einem Brief von Romuald Lenski, Bratislava. RL ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

© RL,WS 2016

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