Schlagwörter

, ,

Wolfgang Sofsky
Conrad Ferdinand Meyer: Il Pensieroso

Im Frühjahr 1858 reiste Conrad Ferdinand Meyer nach Italien. Danach widmete er dem Werk Michelangelos mehrere Gedichte, darunter auch dem Grabmal des Lorenzo de´Medici in Florenz.

Il Pensieroso
In einem Winkel seiner Werkstatt las
Buonarotti, da es dämmerte;
Allmählich vor dem Blicke schwand die Schrift …
Da schlich sich Julianus ein, der Träumer,
Der einzige der heitern Medici,
Der Schwermut kannte. Dieser glaubte sich
Allein. Er setzte sich und in der Hand
Barg er das Kinn und hielt gesenkt das Haupt.
So saß er schweigend bei den Marmorbildern,
Die durch das Dunkel leise schimmerten,
Und kam mit ihnen murmelnd ins Gespräch,
Geheim belauscht von Michelangelo:
„Feigheit ists nicht und stammt von Feigheit nicht,
Wenn einer seinem Erdenlos misstraut,
Sich sehnend nach dem letzten Atemzug,
Denn auch ein Glücklicher weiss nicht, was kommt
Und völlig unerträglich werden kann –
Leidlose Steine, wie beneid ich euch!“
(Die Worte stammen aus einem erhalten gebliebenen Sonett Julians)
Er ging, und aus dem Leben schwand er dann
Fast unbemerkt. Nach einem Zeitverlauf
Bestellten sie bei Michelangelo
Das Grabbild ihm und brachten emsig her,
Was noch in Schilderein vorhanden war
Von schwachen Spuren seines Angesichts.
So waren seine Züge, sagten sie.
Der Meister schob es mit der Hand zurück:
„Nehmt weg! Ich sehe, wie er sitzt und sinnt,
Und kenne seine Seele. Das genügt.“

meyer

Kurzerhand tauscht C.F. Meyer die beiden Herzöge Giuliano und Lorenzo aus, deren Überreste in San Lorenzo aufbewahrt werden. Die Verse handeln von der „melancholischen“ Figur des Lorenzo, doch in der Werkstatt des Meisters erscheint Giuliano. Die 28 Blankverse erzählen eine Legende, wie nämlich Michelangelo auf den Gedanken kam, ein gedankenvolles Grabbild zu erschaffen. Trotz lyrischer Stilmittel wie Zeilensprünge, Alliterationen und syndetischen Reihungen nähern sich die Verse der erzählenden Prosa. Sogar historische Präzision wird suggeriert in der eingefügten Anmerkung über das fiktive Sonett Giulianos. Jener erscheint geradezu seelenverwandt mit Michelangelo, dem Schöpfer seines Grabmals und Dichter melancholischer Sonette. Die Vision des Künstlers beginnt in der Dämmerung, wenn die Schrift verschwindet. Der Besucher glaubt sich allein und eröffnet den Marmorbildnissen seine geheimsten Gedanken. Gleich dem Künstler ist Giuliano ein schwermütiger Träumer. Er spricht mit dem Stein, den der Künstler formt. Das Temperament der Melancholie läßt ihn denken, zwingt ihn ins Denken, das Haupt senkt sich, die Hand birgt das schwere Kinn. Wie er in die Werkstatt schlich, so verschwindet er fast unbemerkt vom Ort der Besinnung, und ebenso schwindet er aus dem Leben. Der Meister jedoch verleiht ihm ewiges Leben im steinernen Bild.

© W.Sofsky 2016

Advertisements