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Wolfgang Sofsky
Kant: Die Unfähigkeit zur Theoria – oder der Wille zum Fortschritt

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1793 erschien von Immanuel Kant eine Verteidigung seiner praktischen Philosophie, der man theoretische Abstraktion und praktische Unbrauchbarkeit vorgehalten hatte: „Über der Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.“ Im dritten Teil, einer Kritik an Moses Mendelssohn, widmet er sich dem „Verhältnis der Theorie zur Praxis in allgemein philanthropischer, d.i. kosmopolitischer Absicht“. In Wahrheit geht es um den Fortschritt in der Geschichte. Kant will nicht glauben, daß, was den sittlichen Fortschritt anbelangt, die Menschheit im wesentlichen auf der Stelle tritt, eine Einsicht, die sich aus dem weiten Geschichtsblick des unbeteiligten Zuschauers nahezu von selbst ergibt. Ebensowenig will Kant wahrhaben, daß der tragischen und oft tödlichen Possenspiele kein Ende ist. Was nicht sein darf, das ist auch nicht, lautet die fadenscheinige Logik dieser Hoffnung. Nicht einmal das Regime der Guillotine hat Kant von solch unaufgeklärter Hoffnung abgebracht. Da war der Aufklärer Mendelssohn näher an der historischen Wirklichkeit. Nirgends ist eine List der Natur oder der Geschichte erkennbar, die im Rücken der Narren für allmählichen Fortschritt sorgen würde.  Bei Kant indes heißt es:

„Moses Mendelssohn war der letzteren Meinung (Jerusalem, zweiter Abschnitt, S. 44 bis 47), die er seines Freundes Lessings Hypothese von einer göttlichen Erziehung des Menschengeschlechts entgegensetzt. Es ist ihm Hirngespinst: »daß das Ganze, die Menschheit hienieden, in der Folge der Zeiten immer vorwärts rücken und sich vervollkommnen solle. – Wir sehen, sagt er, das Menschengeschlecht im ganzen kleine Schwingungen machen; und es tat nie einige Schritte vorwärts, ohne bald nachher mit gedoppelter Geschwindigkeit in seinen vorigen Zustand zurück zu gleiten.« (Das ist so recht der Stein des Sisyphus; und man nimmt, auf diese Art, gleich dem Indier, die Erde als den Büßungsort für alte, itzt nicht mehr erinnerliche, Sünden an.) – »Der Mensch geht weiter; aber die Menschheit schwankt beständig zwischen festgesetzten Schranken auf und nieder; behält aber, im ganzen betrachtet, in allen Perioden der Zeit ungefähr dieselbe Stufe der Sittlichkeit, das selbe Maß von Religion und Irreligion, von Tugend und Laster, von Glückseligkeit (?) und Elend.« – Diese Behauptungen leitet er (S. 46) dadurch ein, daß er sagt: »Ihr wollt erraten, was für Absichten die Vorsehung mit der Menschheit habe? Schmiedet keine Hypothesen« (Theorie hatte er diese vorher genannt); »schauet nur umher auf das, was wirklich geschieht, und, wenn ihr einen Überblick auf die Geschichte aller Zeiten werfen könnt, auf das, was von jeher geschehen ist. Dieses ist Tatsache; dieses muß zur Absicht gehört haben, muß in dem Plane der Weisheit genehmigt, oder wenigstens mit aufgenommen worden sein.«

Ich bin anderer Meinung. – Wenn es ein einer Gottheit würdiger Anblick ist, einen tugendhaften Mann mit Widerwärtigkeiten und Versuchungen zum Bösen ringen, und ihn dennoch dagegen Stand halten zu sehen: so ist es ein, ich will nicht sagen einer Gottheit, sondern selbst des gemeinsten aber wohldenkenden Menschen höchst unwürdiger Anblick, das menschliche Geschlecht von Periode zu Periode zur Tugend hinauf Schritte tun, und bald darauf eben so tief wieder in Laster und Elend zurückfallen zu sehen. Eine Weile diesem Trauerspiel zuzuschauen, kann vielleicht rührend und belehrend sein; aber endlich muß doch der Vorhang fallen. Denn auf die Länge wird es zum Possenspiel; und, wenn die Akteure es gleich nicht müde werden, weil sie Narren sind, so wird es doch der Zuschauer, der an einem oder dem andern Akt genug hat, wenn er daraus mit Grunde abnehmen kann, daß das nie zu Ende kommende Stück ein ewiges Einerlei sei. Die am Ende folgende Strafe kann zwar, wenn es ein bloßes Schauspiel ist, die unangenehmen Empfindungen durch den Ausgang wiederum gut machen. Aber Laster ohne Zahl (wenn gleich mit dazwischen eintretenden Tugenden) in der Wirklichkeit sich über einander türmen zu lassen, damit dereinst recht viel gestraft werden könne: ist, wenigstens nach unseren Begriffen, sogar der Moralität eines weisen Welturhebers und Regierers zuwider.

Ich werde also annehmen dürfen: daß, da das menschliche Geschlecht beständig im Fortrücken in Ansehung der Kultur, als dem Naturzwecke desselben, ist, es auch im Fortschreiten zum Besseren in Ansehung des moralischen Zwecks seines Daseins begriffen sei, und daß dieses zwar bisweilen unterbrochen, aber nie abgebrochen sein werde. Diese Voraussetzung zu beweisen, habe ich nicht nötig; der Gegner derselben muß beweisen. Denn ich stütze mich auf meine angeborne Pflicht, in jedem Gliede der Reihe der Zeugungen – worin ich (als Mensch überhaupt) bin, und doch nicht mit der an mir erforderlichen moralischen Beschaffenheit so gut, als ich sein sollte, mithin auch könnte – so auf die Nachkommenschaft zu wirken, daß sie immer besser werde (wovon also auch die Möglichkeit angenommen werden muß), und daß so diese Pflicht von einem Gliede der Zeugungen zum andern sich rechtmäßig vererben könne. Es mögen nun auch noch so viel Zweifel gegen meine Hoffnungen aus der Geschichte gemacht werden, die, wenn sie beweisend wären, mich bewegen könnten, von einer dem Anschein nach vergeblichen Arbeit abzulassen: so kann ich doch, so lange dieses nur nicht ganz gewiß gemacht werden kann, die Pflicht (als das Liquidum) gegen die Klugheitsregel, aufs Untunliche nicht hinzuarbeiten, (als das Illiquidum, weil es bloße Hypothese ist) nicht vertauschen; und, so ungewiß ich immer sein und bleiben mag, ob für das menschliche Geschlecht das Bessere zu hoffen sei, so kann dieses doch nicht der Maxime, mithin auch nicht der notwendigen Voraussetzung derselben in praktischer Absicht, daß es tunlich sei, Abbruch tun.“

Der Vorteil und Preis der theoretischen Einstellung aus der Perspektive des unbeteiligten Zuschauers liegt darin, daß sich ihm das Welttheater als das bietet, was es ist. Der praktische, an sittlicher Vervollkommnung interessierte Denker und Dramatiker ist viel zu sehr mit der Erziehung des Menschengeschlechts befaßt, als daß er die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens sehen, geschweige denn einsehen könnte. Die Einstellung der Theoria ist ihm unmöglich. Die Trauer würde ihn lähmen. Daß irgendwann der Vorhang fiele vor diesem statischen Trauerspiel, ist nirgends erkennbar.

© W.Sofsky 2016

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