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Wolfgang Sofsky
Günter Eich: Der Gott der Taubstummen

eich

In Günter Eichs Taubstummenhörspiel „Man bittet zu läuten“, telefoniert der Pförtner der Anstalt gelegentlich mit seinen Pilzfreunden, deren Verein er vorsteht. Zwischendurch unterhält er sich mit den Taubstummen, ihre Sprache beherrscht er perfekt. Er teilt den Hörern auch mit, was Taubstumme denken, wenn sie schweigen, eingedenk der Einsicht, daß Menschen, auch wenn sie schweigen, durchaus denken, ja, sogar grundsätzliche, um nicht zu sagen metaphysische Gedanken zu haben pflegen: „Je mehr man redet, desto mehr fällt einem ein. Schweigen ist Dummheit. Oder Atheismus. Die Taubstummen sprechen gegen Gott, deswegen sind sie taubstumm.“ Indes, Taubstumme sprechen nicht gegen Gott, sie schweigen zu Gott, was vermutlich das Allerklügste ist, das in dieser Angelegenheit möglich ist. Sie beten nicht, sie bitten nicht, sie verehren nicht, sie reden auch nicht darüber, sie sagen nichts. Dies bedeutet freilich nicht, daß sie an Gott jemals denken und es bedauern würden, nicht laut mit ihm sprechen zu können. Eher verhält es sich umgekehrt. Da sie nicht mit ihm sprechen, weder laut noch stumm, ist es ihnen auch erspart, an jemanden wie Gott zu denken.

© W.Sofsky 2016

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