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Wolfgang Sofsky
Michelangelo: Jeremia

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In der Cappella Sistina hat Michelangelo unter den Sibyllen und Propheten auch Jeremia verewigt, in der Pose dessen, der letzte Fragen bedenkt. Jeremia ist der Denker der Klage, des Leidens, der pathetischen Anklage – ob des Abfalls des Volkes und des Unheils falscher Götter. Zwiesprache hält er mit dem zürnenden Gott, der keine Verzeihung kennt und seinem Propheten verbietet, sich und seinen Hörern weiter Hoffnungen zu machen. Gelegentlich schweigt Jahwe auch, und der Prophet bleibt mit sich allein. Mit seinem Beruf und seiner Berufung hadert er, mit Ingrimm von seinem Gott erfüllt. Als einer der wenigen erlangt Jeremia Einsicht in die göttliche Verwerfung, in die finale Zerstörung. Sein Dasein ist ihm eine Summe von Mißerfolgen, von Mißachtung, Enttäuschung, Schuld. So gelangt Jeremia, Abkömmling des Stammes Benjamin, zur selben Einsicht wie der griechische Dramatiker Sophokles im „Ödipus auf Kolonos“, wo der Chor, des Menschen Los bedenkend, sagt: „Nicht geboren zu sein, das geht über alles; doch, wenn du lebst, ist das zweite, so schnell du kannst, hinzugelangen, woher du kamest.“ (1224-1227). Nicht anders heißt es im Buche Jeremia (Kp.20: 14, 17,18): „Verflucht sei der Tag, darin ich geboren bin; der Tag müsse ungesegnet sein, darin mich meine Mutter geboren hat!… Daß du mich doch nicht getötet hast im Mutterleib, daß meine Mutter mein Grab gewesen und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäret! Warum bin ich doch aus dem Mutterleibe hervorgekommen, daß ich solchen Jammer und Herzeleid sehen muß und meine Tage mit Schanden zubringen.“

Michelangelo dürften solche Gedanken nicht fremd gewesen sein. Die Figur des Jeremia ist die tragischste Gestalt der Zukunfts- und Weltenseher, ein gewaltiger Greis, der mit gekreuzten Beinen dasitzt, in sich geschlossen und doch scheinbar frei am Ende der Tage. Doch noch immer findet er keine Ruhe, Empfindungsqual beugt ihm das Haupt, ein Arm ist kraftlos in den Schoß gefallen, die Augen starren zur Erde. Der Schmerz wühlt ihn auf, die Gedanken jagen dahin, die Bilder des Unheils, zerschlagene Hoffnungen, leeres Glück. Der mächtige Körper ist noch ungebrochen, doch der Geist bewegt sich jenseits der Gegenwart. Im Grab der Hoffnung erfüllt sich das menschliche Geschick. Keine der Figuren an der sixtinischen Decke ist ruhiger, und keine wirkt überwältigender als der denkende, wissende Prophet.

© W.Sofsky 2016

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