Schlagwörter

, ,

Wolfgang Sofsky
Euripides: Wurzeln des Übels

euripides

Die Tragödien des Euripides, des Denkers unter den Dichtern, sind dafür bekannt, wenn nicht berüchtigt, daß manche Figuren nicht nur etwas tun, sondern auch sagen, was sie tun. Sie sind so klug wie der Dichter, der sie sprechen läßt. Und zuweilen, inmitten eines Monologs, tritt aus der Figur der Dichter selbst hervor und sagt, wie es sich verhält, mit den Menschen, ihrem Los, ihrer Natur. Ein Exemplum handelt vom Gegensatz von Affekt und Vernunft. Warum tun Menschen das Gute nicht, obwohl sie es sehr wohl kennen? Naive Aufklärer denken, wer das Richtige wisse, der tue es auch; aus dem Wissen vom Richtigen erwachse zwangsläufig richtiges Handeln. Skeptische Aufklärer indes wissen, daß nicht das Wissen, sondern die Lüste und Laster das Handeln bestimmen. Im „Hippolytos“ spricht Phaedra zu den Frauen des Chors, aber es ist, als spräche nicht Phaedra, sondern Euripides:

„Schon früher hab´ich in langen Nächten
Gesonnen, was das Leben uns vergiftet.
Ich finde, daß es am Verstand nicht liegt,
Wenn Menschen fehlgehn (richt´ge Einsicht haben
Ja viele), sondern so muß man es ansehn:
Wir wissen und erkennen wohl das Rechte,
Doch führen wir´s nicht durch, teils nur aus Trägheit,
Teils weil die Lust am Schönen andre Lüste
Ersticken (denn das Leben bringt so viele:
Geschwätz und Müßiggang, ein ergötzliches Übel)
Und Schamgefühle…(375-384)

Nicht nur die Trägheit, auch lange Gespräche, Muße, „ergötzliche Übel“ und Scham rechnet Euripides zu den Lüsten, den Annehmlichkeiten, die vom rechten Handeln abhalten und so das Leben ruinieren. Die soziale Angst der Scham – eine heimliche Lust? Rechte Scham in rechter Zeit, vermittelt sie nicht, wie wohlerzogen, wohlgeraten, wohlmoralisch jemand ist, so daß sich auch mit roten Ohren ein kleines Lustgefühl gewinnen läßt – falls man noch nicht im Boden versunken ist. Und wie schamfrei, schamlos ist man erst, wenn man etwas nicht tut?

© W.Sofsky 2016

Advertisements