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Wolfgang Sofsky
Odyssee

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„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel auch erlitt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte wie auch die Heimkehr der Gefährten. Jedoch errettete auch so nicht die Gefährten, so sehr er es begehrte. Selber nämlich durch ihre eignen Freveltaten verdarben sie, die Toren, die die Rinder des Sohns der Höhe, Helios, verzehrten. Der aber nahm ihnen den Tag der Heimkehr. Davon — du magst beginnen, wo es sein mag — Göttin, Tochter des Zeus! sage auch uns!

Da waren zwar die andern alle, so viele dem jähen Verderben entgangen waren, daheim, dem Krieg entronnen und dem Meere. Diesen allein, den nach der Heimkehr und nach seinem Weib verlangte, hielt die Herrin, die Nymphe zurück, Kalypso, die hehre unter den Göttinnen, in den gewölbten Höhlen, begehrend, daß er ihr Gatte wäre. Doch als nun das Jahr kam unter den umlaufenden Zeiten, in dem ihm die Götter zugesponnen, daß er nach Haus, nach Ithaka, heimkehre, war er auch dort den Kämpfen nicht entflohen, auch nicht unter den Eigenen, den Seinen. Die Götter erbarmte es allgesamt, außer Poseidon: dieser zürnte voll Eifer auf den gottgleichen Odysseus, bevor er in sein Land gelangte.“ (Homer, Odyssee, Erster Gesang, 1-21; Ü: W.Schadewaldt)

Wovon handelt die Odyssee? Von der Suchfahrt des Telemach, der das Schicksal seines Vaters Odysseus zu erkunden unternimmt, von den Irrfahrt des Fürsten und Kriegsveteranen Odysseus, von seinen Liebesaffairen mit Kirke oder Kalypso, vom Streit zwischen Athene, der schützenden Freundin, und Poseidon, dem grimmigen Feind? Von den 24 Gesängen spielen die allermeisten auf Ithaka, der Heimatinsel. Nur in den Gesängen 9-12 erzählt der Held seinen Gastgebern, den Phaiaken, von der Irrfahrt. Das Thema der Odyssee ist die Heimkehr, die äußere und innere Heimkehr eines Kriegers, der nach vielen Leiden in der Ferne aus der Finsternis der Unbekanntheit zurückkehrt in seine Heimat, seinen Palast, zu seinem Sohn, zu seiner Gattin Penelope. Das Drama auf Ithaka, die Tötung der Freier, die seine Frau zur neuen Ehe drängen und sein Eigentum verprassen, die Masken des Ankömmlings, das Wiederkennen, die Annäherung des Fremden, all dies bildet den gesamten zweiten Teil der Odyssee. Das Epos ist kein Abenteuerroman, kein frühes Fantasy-Stück, sondern eine Dichtung über die Rückkehr aus der Fremde in eine Heimat, die selbst schon fremd zu sein scheint.

© WS 2016

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