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Wolfgang Sofsky
Penelope und Eurykleia

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„„Wahrhaftig! Du bist Odysseus, liebes Kind! Und doch erkannte ich Dich nicht eher, ehe ich nicht meinen Herrn ganz betastet hatte!“ (Eu. zu O.)
Sprach es und blickte zu Penelopeia mit den Augen: sie wollte ihr anzeigen, daß ihr eigener Gatte im Hause wäre. Die aber vermochte nicht, zu ihr hinzublicken noch es gewahr zu werden, denn Athene hatte ihr den Sinn abgewendet. Odysseus aber faßte zu und packte sie (Eu.) mit der Hand, der rechten, an der Kehle und zog sie mit der anderen näher zu sich…“

Die erste melancholische Figur in der abendländischen Literatur dürfte die umsichtige Penelope gewesen sein, die Gattin des vermißten Odysseus. Über und über war sie bekümmert über den drohenden Verlust, über die quälende Ungewißheit. Die Sehnsucht ließ ihr das Herz schmelzen; die Übel, welche ihr der Daimon gebracht hatte, die unverschämt drängenden Freier, die Liebestrauer, die Treue zu dem Vermißten, die nächtliche Wehklage, wenn sie das Tuch in den Nähten wieder auflöste, das sie tagsüber gesponnen hatte, all dies härmte sie, beschwerte ihr den Kopf, so daß sie ihn in die Hand stützen mußte. Mehrfach hat man Penelope in der Antike in der Pose der denkenden, trauernden Frau dargestellt: als sie abends dem als Bettler verkleideten Odysseus gegenübersitzt und ihn nicht erkennt, und als ihr die alte Pflegerin Eurykleia, die soeben dem bettelstabigen Odysseus die Füße gewaschen und ihn an der Narbe erkannt hatte, mitteilen wollte, daß der geliebte Gatte im Hause sei, auch da verharrte Penelope in der Haltung der sinnenden Melancholie, wie im 19.Gesang der Odyssee berichtet wird und wie es ein römisches Relief aus dem ersten Jahrhundert vor Chr. zeigt, das im Nationalmuseum, den Thermen des Diokletian, aufbewahrt wird.  Auch Penelope verweist darauf, daß tieferes Denken, das kein Ziel kennt, seinen Ursprung in der Trauer der Seele hat.

© W.Sofsky 2016

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