Schlagwörter

, , ,

Wolfgang Sofsky
Rossetti: Penelope

rossettipenelope

Über die Jahrtausende nimmt die umsichtige Penelope stets dieselbe Pose ein, wenn sich ein Künstler ein Bild von ihr ihr zu machen sucht. Wie sie tatsächlich aussah, wissen wir allerdings recht genau. Sie sah weder aus wie Fanny Cornforth noch wie Alexa Wilding oder gar Jane Morris. Nein, in Wahrheit glich sie Ellen Smith, einer jungen Wäscherin von zweifelhafter Tugend und traurigem Schicksal, die in den 1860er Jahren vielen Künstlern Modell saß, darunter Burne-Jones, George Boyce und Dante Rossetti, der sie 1869 als Penelope malte, das Kinn leicht an den Handrücken geschmiegt, in der Linken das Schiffchen mit dem Faden, um das tagsüber gewebte Tuch wieder aufzutrennen, an Odysseus denkend oder an den Maler, dessen Portraits der fatalen Frauen einander so ähneln, daß man, heißen sie nun Lady Lilith, Beata Beatrix, Veronica Veronese, Pandora, Proserpina oder Penelope, glauben möchte, es seien Zwillingsschwestern der Sinnlichkeit gewesen, die ihm über die Jahre Modell saßen.

© W.Sofsky 2016

Advertisements