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Wolfgang Sofsky
G.F.Watts: „Undeutliches Gemurmel“

In der Londoner Tate Gallery wird ein Bild von George Frederic Watts aufbewahrt. Es zeigt eine weibliche Figur mit Flügeln, die den Betrachter unverwandt anstarrt. Der Ausschnitt ihres Kleids ist mit Federn besetzt, der aufgestellte Kragen erinnert an Kostüme von van Dyck. In der Mitte des Kragens sitzt ein Broschenherz, der geflügelte Kopfschmuck gleicht dem Helm des Hermes. Unübersehbar strahlt in der Mitte des Kopfreifs ein weißer Stern auf. Große Flügel ragen im Rücken der Figur empor. In ihrem Schoß liegen Pfeile, welche durch alle Masken und Verkleidungen dringen, und die silberne Trompete, die der Welt die Wahrheit kündet. Aug in Aug thront das Gewissen dem Betrachter gegenüber, das Haupt an eine starke Faust gelehnt, kein Fehlnis entgeht seinen Augen. Stets verharrt es im Dämmerlicht, doch seine feurigen Flügel verleihen ihm unaufhaltsame Macht. Watts wußte lange Zeit nicht, wie er das Bild nennen, geschweige denn, was es überhaupt besagen sollte. Auf „undeutliches Gemurmel“ kam es ihm an, auf symbolische Vieldeutigkeit. Ein Sonett von Walter Crane verleitete ihn dazu, das Bild zuerst „The Soul´s Prism“ zu nennen. Erst 1890, fünf Jahre nach Fertigstellung, fand er die Formulierung „Dweller in the Infinite“, heute heißt es „The Dweller in the Innermost“. Das Gewissen denkt immer, inmitten der Seele wartet es, halb Richter, halb Geistesgespinst.

© W.Sofsky 2016

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