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Zoe Merck
Swinburne: Before the Mirror

swinburne

Whistlers Symphony in White Nr.2 hat Algernon Charles Swinburne zu einem Gedicht inspiriert, das, auf Goldpapier geschrieben, auf dem originalen Bilderrahmen angebracht wurde. Swinburnes (1837-1909) Verse geben ein Beispiel für die unter den englischen Symbolisten beliebte Literaturgattung des Gemäldegedichts. Musik, Lyrik und Bild sollen sich zu einer Art „Gesamtkunstwerk“ zusammenfinden. Doch wie sich Whistlers Gemälde von tieferen Bedeutungen befreit, so schweben Swinburnes Verse jenseits des Bildes dahin. Das Bild sagt weniger, als die Dichtung verkündet. Ob es mehr sagt, als es darstellt, ist ungewiß. Immerhin wechselt Swinburne gelegentlich die Perspektive: da ist das Denken der jungen Geliebten, und da ist das Sinnen der gealterten Frau im Spiegel. Vor allem jedoch spielt Swinburne großzügig mit der Farbe Weiß, dem Weiß der unschuldigen Schneeglöckchen, dem Weiß des Schnees, den die Winde härten, der Hand, die schneeweiß achtlos auf weißem Schnee liegt, dem weißlichen Verblassen der Freuden und Kümmernisse, dem weißen Hals, der das gesenkte Gesicht trägt, dem Weiß der vergehenden Zeit. So vieldeutig ist die Referenz der weißen Farbe, daß sie Whistlers Bildtitel „Symphony in White“ zu rechtfertigen scheint, obwohl das Bild weder weißen Schnee noch das Zerrinnen der weißen Zeit darstellt.

Vor dem Spiegel
(Verse, unter ein Bild geschrieben)
A. Whistler gewidmet

I.

Weiße Rose in rotem Rosengarten
Ist nicht so weiß;
Schneeglöckchen, die um Gnade bitten
   Und vor lauter Angst vergehn,
Weil der scharfe Ostwind bläst
Über ihre jungfräulichen Reihen,
Wechseln nicht wie dies Gesicht von blaß zu
                                        leuchtend hell.

Hinter dem Schleier, verboten,
    Dem Blick entzogen,
Liebe, liegt Kummer dort verborgen,
Liegt Wonne dort?
Ist Freude deine Mitgift oder Gram,
Weiße Rose mit müdem Blatt,
Späte Rose, deren Leben kurz, und vergänglich ihre Liebe?

Weicher Schnee, den harte Winde härten,
   Bis jeder Flocke Biß
Den ganzen blumenlosen Garten fülle,
    Des Blumen schon die Flucht ergriffen
Vor langer Zeit, beim Sommerende,
Und alle Menschen sich vom Fest erhoben,
    Und warmer Westwind sich gen Osten kehrte, und
warmer Tag zu Nacht.

II.

»Komme Schnee, komme Wind oder Donner
     Hoch oben in der Luft,
Ich betrachte mein Gesicht voll Staunen
Ob meines leuchtenden Haars;
Nichts andres beglückt oder bekümmert
Die Rose in ihrem Herzen, das schlägt
    Aus Liebe zu ihren eigenen Blättern und Lippen, die
                                                        sich selbst küssen.

Sie weiß nicht, wer sie geküßt,
     Sie weiß nicht wo,
Bist du der Geist, meine Schwester,
Du weiße Schwester dort,
Bin ich der Geist, wer weiß?
Meine Hand, eine gefallene Rose,
    Liegt schneeweiß auf weißem Schnee, achtlos.

Ich kann nicht erkennen, welche Freuden
    Oder welche Schmerzen es gab;
Welche blassen neuen Lieben und Schätze
     Die neuen Jahre bringen;
Welcher Sonnenstrahl, welcher Regenschauer fällt,
Als Mitgift welcher Gram noch welche Freude;
     Doch eines weiß die Blume; die Blume ist schön.«

III.

Froh, doch nicht außer sich vor Freude,
    Da Freuden vergehn;
Traurig, doch nicht gebeugt von Trauer,
    Da Kummer stirbt;
Tief in dem glänzenden Glas
Sieht sie alle vergaenen Dinge vorüberziehn
     Und all das süße Leben, das einst war, sich niederlegen
                                                       und daliegen.

Glühende Geister von Blumen
   Ziehen dort hernieder, ziehen näher;
Und Schwingen flüchtiger Stunden
     Ergreifen die Flucht und fliegen;
Sie sieht in formlosem Schein,
Sie hört über die kalten Ströme
     Die toten Münder vieler Träume singen und seufzen.

Das Gesicht gesenkt, den weißen Hals erhoben,
    Mit schlaflosem Auge
Sieht sie alte Lieben, die ziellos trieben,
     Sie wußte nicht, warum,
Alte Lieben und verblaßte Ängste
Einen Strom hinuntertreiben, der hört
    Das Fließen der Tränen aller Menschen unter dem
                                              Himmel.“
Ü:Gisela Hönnighausen)
(eine Mitteilung von Zoe Merck, Wolfenbüttel; ZM ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts)
© ZM, WS 2016

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