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Ilse Aichinger
NACH MIR

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Heute lief mir ein Kleiner nach und sagte: Wiedersehen, Herr Pfarrer. Ich gab ihm die Hand und schüttelte ihn ab. Er hatte eine graue Pelerine und glänzende Stiefel und das Wasser spritzte um ihn, so schien es mir wenigstens, um mich stand es. Er blitzte mich freundlich an, aber in meinen Augengläsern fing sich nichts, ich ging rasch weiter und manche werden gedacht haben:Wie rasch er noch geht, der Alte. Manche auch nichts, die meisten. Es ist auch so, daß man ihnen zu viele Gedanken zuschreibt, solange sich die schwache Sonne noch zu einem verirrt. Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel, der bist du – das hörte ich unlängst aus einem Garten und viel mehr denken sie nicht. Ein neuer Herbst beginnt, die Sonne jagt hinunter, wer erwartet es auch? Keiner weiß meine runden Gitter zu schätzen, Baumgruppen, die Gedanken, die ich nicht denke. Einmal zu Beginn meiner Amtszeit oder doch gleich danach sah ich eine Wespe auf einem Apfelbaum, die war handtellergroß, wer glaubt es mir heute? Gefächert und gebündelt ruhen die ungehaltenen Predigten in den Chören, während die Träumer sich zu rasch besinnen und den Täuflingen jeder Regen recht ist. Wie viele Regenmuster habe ich gesehen, die Zäune entlang, Schneemuster vor den Poststationen, Botengänger, Straßenwärter und schwache Lastträger vor den Karren, die älteren unter ihnen grüßten mich freundlich.

Legen wir alles zusammen, wir wissen, daß die letzten Nachmittage immer schon angebrochen waren, das Mückenzeug fing sich darin, Schritte der Neunjährigen auf fremden Terrassen, Eisschieberstöße, Stöße von Holz, Holz fuhr aneinander, mir stand alles offen. Manchmal ein Geflüster, das mein Kopf durchbrach, rasch dahin und ich segnete es ein. An Regennachmittagen die Berichte von Papierfabriken und Steinbrüchen, Bilanzen früherer Jahre (die späten haben mich nie verlockt), zu essen und zu trinken genug. Dann noch die Heimwege, Abkürzungen zwischen den Dornensträuchern, Labsal, flüchtige Grüße, Erwartung der Nacht. Die Gewöhnungen an den Tod sind verschieden.

Unter stilleren und bewegteren Himmeln haben die Bäcker der Reihe nach für mich gebacken, Dachdecker waren da, Kinder, die Schlittschuhe trugen, Wirtsleute, Lebensmittelhändler, Spediteure, was man will. Als ich herkam, war kein Faden gesponnen, blank und kalt starrte mir alles entgegen, aber nun liegt er um mich, um Mantel und Gesicht, und vom Schuh bis zum Hut reichen die Träume, sie reichen mir auch. Ich will jetzt gehen. Der Flintenhändler putzt noch einmal die Läufe und zieht die Hand mit dem Lappen rasch ins Dunkel zurück, die Glocken schlagen, es ist mir heute, als schlügen sie aneinander und nicht an ihre Klöppel, die neuen Schuppen stehen auf und starren ungestüm über die Dächer, soweit halten wir. Schulranzen, Mißverständnisse, Kohlenlager, ich habe mehr Bücher verborgt als ich zählen möchte und immer genau nach den Wünschen gefragt, jetzt sind die Wünsche groß geworden und die Kapellen altern, von steinernen Kränzen, Gelächter und dem Klingen der Monduhren bewacht. Die Teiche waren die vielen Winter hindurch weich und hart gefroren, aber keine Schleifspur blieb. Einmal habe ich in einer Wirtschaft heißen Holundersaft getrunken, von den Holzbalkonen herab stärkten die Blumen meine Blicke und stützten sie ab.

Es ist ein regnerischer Tag heute und die Wolken bewegen sich über die Almen fort, sterben wird keiner mehr, meine Arbeit ist getan. Die Taufkleider knistern in den Zimmern und Schränken, über den Schuhläden sind Schritte zu hören, die sich verlieren, über See, übern Berg, den Riesen nach, den Zwergen nach, gut gesohlt und genagelt, auf und davon. Meinen Nachfolger wird die Unruhe packen, den rosa Rauch kennt er noch nicht und das Kannenklirren von Norden und vom Westen, er geht jetzt auf harten Böden, auf dunklen, glänzenden zwischen Gummibäumen, Kissen, Willkommensgedichten und läßt sich den Tee neu aufgießen, aber ich komme ja bald. Auf die Fragen werde ich überall Antwort wissen, Holunder auf die Wiesen, der blüht leicht, wird leicht dunkel, Vögel und Menschen haben ihn gern, auch vor der Zeit. Und von den Amtsbrüdern kann ich rasch Abschied nehmen, habe es schon getan und will es wieder tun, von den Schwestern und Instrumentenverkäufern, Oberinnen in Armenhäusern und Spitälern, Klavierausleihern und so fort. Den feierlichen Umzügen trauere ich nach und den langen Wintern, zweimal verträglich in der hellen Sonne und bei Nacht.

Mein Grabkreuz wird verrosten und der Name darauf vergilben, und ich weiß den Weg schon, den Weg fort und hinauf, und kenne die Wolken über dem Schulhaus einen Tag nach dem Abschied, die Gespräche, Worte, die aufflackern und im Hellen vergehen, zwischen den unreifen Äpfeln, den Hühnerställen und Mauern. Ein Stein durch mein Fenster, der kam nie, ist draußen geblieben und hat mir gefehlt die Jahre hindurch und mit jedem Jahr mehr. Aber man muß sich abfinden mit den Himmeln, die man halten kann, mit den Verlusten von Nägeln und Knöpfen, Trauer und Gewinn.

Vielleicht, daß meinen Nachfolger der Stein erreichen wird, der mir gefehlt hat, die Birnbaumzweige werden vielleicht an seine Läden schlagen und die Geister ihn bald besuchen: Wegmüller und Sägemüller, die ihre Häupter seufzend an seine Mauern legen, Schneegeister, die Ruhe der Jagd und die Engel der Schneider und der Schüler am hellen Tag. Wir wollen uns in dieser Hoffnung trennen, mein Bruder, und dessen mächtig bleiben, was uns nicht umgibt.

(I.Aichinger, Meine Sprache und ich. Erzählungen, FfM 1978)

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