Schlagwörter

,

Wolfgang Sofsky
Kulturelle Macht

Wer bestimmt, was in den Schulen gelehrt wird, was in den Universtäten gedacht wird, was in den Zeitungen geschrieben, was im Rundfunk gesendet und im Fernsehen gesagt wird? Wer bestimmt, was in den Museen gezeigt wird, welche Wörter verpönt sind, welche Themen schicklich und welche unstatthaft sind? Wer bestimmt, was in den Regalen der Supermärkte liegt, was gegessen werden soll und welche Lebensmittel anrüchig sind? Wer bestimmt, wie man sich fortbewegen, wie man sein Gehäuse einrichten und bewohnen, welche Autos man fahren soll und welche nicht? Wer bestimmt, welche Gefühle erlaubt und welche verboten sind, welche Meinungen zugelassen und welche indiskutabel sind, was toleriert, akzeptiert, geduldet, totgeschwiegen, verfemt und verfolgt wird? Wer bestimmt, was als „fortschrittlich“ gelten soll und wer reaktionär ist? Wer einige oder gar alle diese Aspekte des Lebens bestimmt, der hat kulturelle Macht über all jene, die nicht darüber bestimmen. Und wer glaubt, er habe auch das Recht hierzu, habe mithin das kulturelle Bestimmungsrecht auf seiner Seite, der ist ein selbstgerechter Besitzer kultureller Macht. Er sollte sich nicht wundern, daß sich da und dort Bestrebungen regen, sich auf diese oder jene Weise diesem Machtanspruch zu entwinden.

© WS 2016

Advertisements