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Wolfgang Sofsky
Théophile Gautier: Symphonie en blanc majeur

gautier

Zu der Idee, Bildnissen von weiß verhüllten Damen den Musik-Titel „Symphonie“ zu verleihen, könnte der amerikanische Maler J.A.M. Whistler angeregt worden sein durch ein Poem, welches Théophile Gautier anno 1849 veröffentlicht hatte. Wörter erzeugen Bilder, Empfindungen, Töne, das Kunstwerk wird zum synästhetischen, zum totalen Ereignis. Indem die Wörter eine Welt in Weiß entwerfen, affizieren sie nicht nur einen Sinn, sondern mehrere zugleich, Empfindungen von Kühle, Weichheit, Glätte, Glimmer, Glanz, Schwermut, Eisfrost, Unnahbarkeit. Nicht durch die Vielfalt der Farben, sondern durch reine Monochromie, durch die Mannigfaltigkeit dinglicher Oberflächen entsteht die Vielstimmigkeit im herben Weiß-Dur.

Ausgelöst wurden Gautiers Huldigungsverse durch eine Frau, von der viele Zeitgenossen überwältigt waren. Ihre Bewunderer rühmten neben ihrer Klugheit auch ihre Schönheit, die ihr den Beinamen „die weiße Sirene“ eintrug. Die Gräfin Kalergis, geboren in Warschau, der niederrheinischen Diplomatenfamilie der Nesselrode entstammend, vielfach unterwegs in Europa, polyglott, charmant, gebildet und freigebig als Mäzenatin, unterhielt von 1847 bis 1858 in der Rue d´Anjou einen literarischen Salon, in dem die Dichter, Musiker, Künstler und Politiker der Zeit ein und aus gingen. Ab 1856 lebte sie abwechselnd in Paris, Petersburg, Warschau und Baden-Baden. Zeitweilig war Maria Kalergis Schülerin von Chopin. Sie gab Solokonzerte mit Stücken von Beethoven, Chopin, Schumann und Liszt, spielte mit dem Paganini-Schüler Ernesto Camillo und mit Henri Wieniawski Kammerkonzerte. Richard Wagner widmete ihr eine Neuauflage seiner berüchtigten Schrift über „Das Judenthum in der Musik“; die Gräfin hatte 1860 ein Defizit seiner Konzerte in Paris mit 10.000 Frs. gedeckt. Brahms besuchte sie öfter in Baden-Baden, Johann Strauß dedizierte ihr den Schneeglöckchen-Walzer, Liszt komponierte 1874 zu ihrem Gedenken die erste Elegie. Auf Bildern von Delacroix und Lenbach tauchte sie auf und als literarische Figur bei Cyprian Norwid, Alexandre Dumas und – Théophile Gautier:

kalergis

Symphonie en blanc majeur
De leur col blanc courbant les lignes,
On voit dans les contes du Nord,
Sur le vieux Rhin, des femmes-cygnes
Nager en chantant près du bord,

Ou, suspendant à quelque branche
Le plumage qui les revêt,
Faire luire leur peau plus blanche
Que la neige de leur duvet.

De ces femmes il en est une,
Qui chez nous descend quelquefois,
Blanche comme le clair de lune
Sur les glaciers dans les cieux froids ;

Conviant la vue enivrée
De sa boréale fraîcheur
A des régals de chair nacrée,
A des débauches de blancheur !

Son sein, neige moulée en globe,
Contre les camélias blancs
Et le blanc satin de sa robe
Soutient des combats insolents.

Dans ces grandes batailles blanches,
Satins et fleurs ont le dessous,
Et, sans demander leurs revanches,
Jaunissent comme des jaloux.

Sur les blancheurs de son épaule,
Paros au grain éblouissant,
Comme dans une nuit du pôle,
Un givre invisible descend.

De quel mica de neige vierge,
De quelle moelle de roseau,
De quelle hostie et de quel cierge
A-t-on fait le blanc de sa peau ?

A-t-on pris la goutte lactée
Tachant l’azur du ciel d’hiver,
Le lis à la pulpe argentée,
La blanche écume de la mer ;

Le marbre blanc, chair froide et pâle,
Où vivent les divinités ;
L’argent mat, la laiteuse opale
Qu’irisent de vagues clartés ;

L’ivoire, où ses mains ont des ailes,
Et, comme des papillons blancs,
Sur la pointe des notes frêles
Suspendent leurs baisers tremblants ;

L’hermine vierge de souillure,
Qui pour abriter leurs frissons,
Ouate de sa blanche fourrure
Les épaules et les blasons ;

Le vif-argent aux fleurs fantasques
Dont les vitraux sont ramagés ;
Les blanches dentelles des vasques,
Pleurs de l’ondine en l’air figés ;

L’aubépine de mai qui plie
Sous les blancs frimas de ses fleurs ;
L’albâtre où la mélancolie
Aime à retrouver ses pâleurs ;

Le duvet blanc de la colombe,
Neigeant sur les toits du manoir,
Et la stalactite qui tombe,
Larme blanche de l’antre noir ?

Des Groenlands et des Norvèges
Vient-elle avec Séraphita ?
Est-ce la Madone des neiges,
Un sphinx blanc que l’hiver sculpta,

Sphinx enterré par l’avalanche,
Gardien des glaciers étoilés,
Et qui, sous sa poitrine blanche,
Cache de blancs secrets gelés ?

Sous la glace où calme il repose,
Oh ! qui pourra fondre ce coeur !
Oh ! qui pourra mettre un ton rose
Dans cette implacable blancheur !

kalergis2

 

Symphonie in Weiß-Dur
Die weißen Hälse biegend schwimmen,
wie man im Norden sich erzählt,
die Schwanenfrauen nah dem Ufer
des alten Rheins mit ihrem Sang;

auch lassen sie von einem Baum
ihr Federkleid zur Erde sinken
und weißer noch als ihren Flaum
wie Schnee den bloßen Leib erglänzen.

Und eine unter diesen Frauen
zieht einmal auch zu uns herab,
weiß, wie der Mond am kalten Himmel
auf hohen Gletschern schimmernd ruht;

und die im Norden rein entsprungen,
sie lädt den wonnetrunknen Blick,
sich an des Leibes Perlmuttkühle,
an seiner Weiße satt zu sehn!

Ihr Busen, wie aus Schnee geformt
zu vollem Rund, mißt sich verwegen
mit des Gewandes weißem Taft,
mit der Kamelie weißer Blüte.

In diesen großen weißen Schlachten
sind Kleid und Blume leicht besiegt;
nach Rache mögen sie nicht trachten,
vergilben wie in Eifersucht.

Auf ihrer Schulter Marmorglanz,
auf ihre blendend weiße Glätte
sinkt unsichtbar ein Reif herab,
als zöge die Polarnacht näher.

Aus welch erlesnem Mark des Schilfes,
aus welchem Glimmer weißen Schnees,
aus welcher Hostie, welcher Kerze
stammt wohl die Weiße ihrer Haut?

War es ein Tropfen jener Milch
im blauen Schein des Winterhimmels,
die Lilie aus Silberlicht,
der weiße Schaum der Meereswelle,

das Fleisch der weißen Steingebilde,
darin die Götter heimisch sind?
war’s mattes Silber, war’s der klare
und trübe Schimmer des Opals?

das Elfenbein, das ihre Hand
zum Flügel macht, zum weißen Falter,
der zarte Noten zitternd küßt,
wenn er auf ihrer Spitze schaukelt?

das Hermelin, das unbefleckte,
das sein geschmeidig weißes Vlies
zum Schutz vor einem kühlen Hauche
um Schultern und auf Wappen legt?

Quecksilber, das in Fenstern sich
verzweigt als blühende Girlande,
Undinens Tränen, weiß erstarrt
im Spitzenwerk des Brunnenstrahles,

der Dornbusch, der mit schweren Zweigen
im Mai die weißen Blüten trägt?
war’s Alabaster, dessen Blässe
die Schwermut an sich selber mahnt?

der weiße Taubenflaum, der leicht
wie Schnee auf breite Dächer wirbelt,
der Stalaktit, der tränengleich
hernieder sinkt in dunkeln Höhlen?

Aus Grönländern, aus Vikingländern
kommt sie mit Seraphita her?
Ist sie die Eis-Madonna oder
ein weißes Winterbild der Sphinx?

Lawinensphinx, die schneebedeckt
auf sternbesäten Gletschern brütet
und unter ihrer weißen Brust
gefrorne weiße Rätsel hütet?

Oh, wer bringt dieses Herz zum Klopfen
in seines Friedens starrem Eis!
Oh, wer senkt einen roten Tropfen
in dieses unnahbare Weiß!

(Ü: H.Helbling)

© W.Sofsky 2016

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