Schlagwörter

, ,

Wolfgang Sofsky
Thoreau: Weißweg

waldenpond

Skribenten wandern gelegentlich durch die weiße Welt von Schnee und Eis, so auch Henry David Thoreau unweit des Walden Pond im Walde von Concord, Mass., wobei er einer Strix nebulosa begegnete, die auf einer Weißfichte hockte und durch das Knirschen der Füße im Schnee in ihren weißen Träumen gestört wurde, da ihre Traumwelt sonst eine stille, lautlose Welt ist, in der sie sich selbst völlig geräuschlos zu bewegen vermag.

„Bei tiefem Schnee  hätte man den eine halbe Meile langen Weg von der Landstraße bis an mein Haus durch eine gewundene, schwarz getupfte Linie wiedergeben können, mit langen Zwischenräumen zwischen den einzelnen Tupfen. Denn eine Woche hindurch machte ich bei anhaltend schlechtem Wetter immer die gleiche Anzahl gleich langer Schritte, traf auf dem Hin- und Rückweg bewußt und mit der Genauigkeit eines Zirkels in meine eigenen tiefen Fußstapfen (zu solchen Praktiken müssen wir im Winter unsere Zuflucht nehmen), die oft erfüllt waren vom Blau des Himmels. Kein Wetter war jedoch schlecht genug, um mich von meinen Spaziergängen oder besser gesagt Streifzügen abzuhalten, denn ich marschierte oft acht bis zehn Meilen weit durch tiefen Schnee, bloß um eine Verabredung mit einer Rotbuche oder einer gelben Birke einzuhalten; manchmal auch mit einer alten Bekannten unter den Föhren, deren Wipfel, wenn Eis und Schnee die Äste niederbogen, schärfer hervortraten, so daß sie wie Tannen aussahen. Auch wenn der Schnee zwei Fuß tief war, stapfte ich noch auf die höchsten Hügel, bei jedem Schritt einen neuen Schneefall von den Ästen schüttelnd. Manchmal kroch und rutschte ich auch auf Händen und Knien dorthin, sofern sich die Jäger schon in ihre Winterquartiere zurückgezogen hatten. Eines Nachtmittags unterhielt ich mich damit, eine gestreifte Eule (Strix nebulosa) zu beobachten, die bei hellem Tageslicht auf einem der unteren toten Äste einer Weißfichte in der Nähe des Stammes saß. Ich blieb fünfzehn Fuß von ihr entfernt stehen. Sie hörte mich, wenn ich eine Bewegung machte und der Schnee unter meinen Füßen knirschte, konnte mich aber scheinbar nicht sehen. Wenn ich sehr laut wurde, reckte sie den Hals, sträubte die Nackenfedern und riß die Augen weit auf. Bald aber fielen ihre Lider wieder zu, und sie nickte ein. Auch mich überkam ein Gefühl der Schläfrigkeit, nachdem ich sie eine halbe Stunde lang beobachtet hatte. Sie saß mit halbgeschlossenen Augen da wie eine Katze, eine geflügelte Schwester der Katze. Ganz schmal war der Schlitz zwischen den Lidern, durch den sie eine halbinselförmige Verbindung zu mir unterhielt. So schaute sie aus dem Land der Träume auf mich herab und bemühte sich, das vage Etwas, das Ding, das da ihre Träume störte, zu erkennen. Schließlich, als ich beim Nähertreten etwas mehr Lärm machte, wurde sie unruhig und drehte sich träge um, als habe sie es satt, in ihren Träumereien gestört zu werden. Als sie aufflog und zwischen den Tannen hinschwebte, wobei sie die Flügel zu unerwarteter Breite ausspannte, konnte ich nicht das leiseste Geräusch vernehmen. Mehr von einem feinen Gefühl für ihre Umgebung als von ihren Augen geleitet, tastete sie sich mit den empfindsamen Fittichen ihren Weg durch das Halbdunkel und suchte sich einen neuen Ast, auf dem sie in Frieden das Heraufdämmern des Tages erwarten konnte.“  (Thoreau, Walden, cp. XIV)

© WS 2016

Advertisements