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Wolfgang Sofsky
Charles Meryon: Le Stryge

meryon

Über den Dächern der Stadt, unweit des Turmes von St.Jacques, hockt der unersättliche Vampir auf dem Nordturm von Notre-Dame. Nach Blutnahrung lechzt er, die ewige Luxuria. Raben umkreisen den Turm, auf der Suche nach Aas. Doch während die Zunge schon nach der Beute giert, hat der Vampir das Haupt in beide Hände gestützt. Denkt er nach? Viollet-le-Duc, der Restaurator der Gotik, hat ihn neu auf die Balustrade gesetzt, 1850, als kein Ungeheuer des Mittelalters jemanden mehr erschreckte. Wohin soll er fliegen, so steinern starr er dasitzt? Der Graphiker Charles Meryon hielt ihn zunächst für eine Art Ausgucker eines Schiffs, doch dann verwandelte er ihn in ein denkendes Monstrum. Gierig beugt sich das Ungeheuer über die große Stadt. Überall wird es Nahrung finden, doch sein Schicksal ist trübe. Niemals wird ihn eine Mahlzeit sättigen. Keine Nahrung genügt ihm, kein Opfer stillt seinen Durst. Darüber denkt der steinerne Vampir nach, an ein Schicksal in elender Unendlichkeit.

© W.Sofsky 2017

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